DIE ALTE FRAU
Ihr Tag besteht aus Aufstehen,
Essen & Trinken, Herumsitzen,
besteht aus Besuch, den sie nicht erkennt. Sie vergißt ständig alles, ist
verwirrt und allein in einem Kopf, der nicht mehr ihr eigener zu sein scheint.
Die Gedanken gehorchen ihr nicht mehr, sie ist eine Gefangene ihrer
Vergangenheit, denn ein "Gestern", ein "Morgen", ein
"Vorhin" oder ein "Später" gibt es für sie nicht.
Sie lebt in einer Welt, in der
sie gearbeitet und ihre Kinder großgezogen hat in der schweren Zeit nach dem
Krieg, sie zählt ihre Berufe auf, das alles weiß sie mit absoluter Sicherheit.
Doch was gab es zum Frühstück?, wer ist das kleine Kind auf ihrem Schoß? oder
ob sie ihre Brille aufhat oder nicht? - das sind Fragen, die sie unmöglich
beantworten kann.
Ich betrachte die alte Frau in
ihrem Bett - sie sieht so friedlich aus wie jeder andere schlafende Mensch auch.
Ihr Gesicht erzählt die Geschichte eines fast achtzigjährigen Lebens. Sie
erinnert mich an meine Großmutter, die fast im selben Alter ist. Was, wenn ihr
so etwas passiert? Was, wenn es später mal einem Elternteil oder mir passiert?
Eine Reportage im Fernsehen ist eine Sache, es vor Ort für mehr oder weniger 80
Stunden am Stück zu erleben, eine andere. Ich war zornig, weil sie mir keine
Ruhe zum Lesen ließ, weil sie nachts ständig erzählte und sich über nicht
vorhandene Probleme beschwerte, weil ich auch einfach Angst hatte, dieses letzte
Stadium einer Krankheit so mit ansehen zu müssen. Doch dann begann ich, mich
mit ihr zu unterhalten - über früher, als sie noch jung war. Es ist wirklich
erstaunlich, wie "sauber" die Zerstörung des Gehirns vonstatten geht.
Die Daten aus ihrem früheren Leben: Geburtstage, Hochzeitstag, die Namen ihrer
Geschwister - das kommt wie aus der Pistole, ohne Zögern und Nachdenken. Aber
ob das Stück Brot, auf dem sie gerade kaut, mit Wurst oder Käse belegt ist,
kann sie nicht sagen. Jeden Abend ist es für die Schwestern ein Kampf, ihre
Brille zu ergattern, um sie auf dem Nachttisch abzulegen. Dann kamen wir darauf,
daß ich das übernehmen sollte, weil sie glaubte, daß ich ihre Brille nicht
stehlen möchte, da ich ja selbst eine trage. "Brillen sind teuer und
schnell geklaut", sagt sie.
Sie wird gewaschen, gekämmt,
die Windeln trägt sie Tag und Nacht und versteht es nicht, warum sie nach einem
Oberarmbruch, an den sie natürlich auch keinerlei Erinnerung hat, solche
Schmerzen in der Schulter plagen. Wir wären alle Verbrecher, weil wir ihr so
weh gemacht hätten, gleich morgen gehe sie deshalb zur Polizei, meint sie.
Vorher aber würde sie gerne noch zum Friseur, außerdem tue ihr heute der Schuh
weh, aber das sei noch nicht so schlimm wie mit den Japanern, bei denen schmecke
das Brot nicht und sie müsse noch Kohlen organisieren, bevor sie sich zur
Entbindung niederlegen könne.
Das alles kommt in einem Satz,
ohne Punkt und Komma, und die Schwester und ich sehen uns an und versuchen, die
vielen Informationen irgendwie logisch aufzureihen. Natürlich geht das nicht,
das wissen wir, und trotzdem fällt es schwer, ihr nicht zu glauben, weil sie
unheimlich entschlossen einen Teil des Satzes erklärt, nämlich, wie schwer es
ist, an Kohlen zu kommen. Ihre Augen sind klar, und vielleicht klingt diese
haarsträubende Aneinanderreihung von Gedankenfetzen deshalb so beängstigend
wahr.
Ist das noch ein Leben, mögen
manche jetzt fragen? Sich unbewußt zum Gespött der Anderen zu machen, alle
Leute mit "Schwester" anzureden und den ganzen Tag festgebunden in
einem Stuhl zu sitzen?!
Leute, die aus unbegründeter
Angst oder aus Unverständnis oder einfach nur aus Mitleid so etwas denken,
konnte ich bis vor einigen Tagen noch gut verstehen, aber jetzt sehe ich diese
Krankheit mit anderen Augen. Wer einmal einen solchen Menschen hat lachen sehen,
gefühlt hat, wie ein Händedruck oder eine Umarmung erwidert wird, der weiß,
daß es sehr wohl ein Leben ist, eines für den Moment, aber dafür
wahrscheinlich ein umso intensiveres, ohne Planung, ohne schlechtes Gewissen,
ohne Vorurteile und ohne Hemmungen. Die Verwandten baten mich darauf zu achten,
daß sie genug esse, und wenn es nur Süßigkeiten seien. Ich habe mich auf ihr
Bett gesetzt und habe sie mit Pudding und Schokoladenherzen gefüttert. Noch
niemals habe ich einen Menschen mit so viel Lust und Freude essen sehen, ihre
Augen leuchteten und schienen immer größer zu werden. Das war ein Erlebnis,
was mir ganz sicher zeigte: es IST ein Leben!
Stellt Euch vor: jedes Mal,
wenn Ihr Euch so ein braunes Krümelchen purer Süße in den Mund steckt,
entdeckt Ihr den Geschmack neu! Sie weiß, daß sie Schokolade liebt und erzählt
mir, daß sie früher in einer großen Schokoladenfabrik arbeitete und daß sie
die ganze Familie und die Freunde ihrer Tochter mit Bruchschokolade versorgte,
die sie billig kaufen konnte. Sie weiß auch, daß Schokolade süß ist, damit
assoziiert sie dieses Glücksgefühl, was uns anderen, die wir alles wissen,
irgendwie verlorengegangen ist. Nun ja, den meisten jedenfalls. Obwohl auch ich
zu Beginn sehr heftig auf diese alte Dame reagierte, die mich zwei Nächte lang
(besonders nach meiner Operation) nicht schlafen ließ, bin ich im Nachhinein
sehr froh, daß ich sie kennengelernt und durch sie und ihre Verwandten viel über
diesen tückischen "Hirnauffresserdingserich" erfahren habe. So nennt
sie selbst die Alzheimersche Krankheit, weil sie sich "den Namen einfach
nicht behalten kann. Schlimm Schwester, wenn man den Namen nicht mehr weiß, ne,
Schwester?"
An meinem letzten Abend im
Zimmer mit ihr habe ich diese Geschichte aufgeschrieben, hörte ihr zu, wie sie
leise schnarchte und fragte mich, wann sie wohl einfach vergessen würde, wie
man atmet, aber dann dachte ich das Gleiche, was ich mich tags zuvor schon
gefragt und in mein Tagebuch geschrieben habe:
'... vergißt, daß man Luft holen muß, um zu leben. Eigentlich ein schöner
Tod, sollte man meinen, doch wofür hat man gelebt, wenn man im letzten
Augenblick nicht ein einziges vertrautes Bild vor Augen hat, weil man alles
und Alle vergessen hat?'
(c) Alien, 20.01.2001
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