DIE ENTSCHEIDUNG
Er hatte das Gefühl zu
schweben. Ein lautes Krachen hallte in seinen Ohren. Dann war plötzlich Stille.
Das kannte er. Er würde nur noch seinen Herzschlag hören und sich verloren und
allein vorkommen. Aber da ... da war kein Herzschlag. Und verloren kam er sich
auch nicht vor. Statt des Gefühls der Leere glaubte er auf einmal eine Hand zu
spüren, die sich sanft auf seine Stirn legte. Bisher hatte er geglaubt zu
liegen, aber das stimmte nicht. Er stand, oder besser gesagt, er bewegte sich
vorwärts. Aber es war seltsam: er ging durch die Rücken von Menschen, drehte
sich nicht um und erkannte in den Rückenansichten Menschen, die er kannte. Gut
kannte oder nur vom Sehen, aber in diesem Moment, in diesem einen Lidschlag, den
er brauchte, um die Körper hinter sich zu lassen, wusste er, dass sie alle auf
die eine oder andere Art zu seinem Leben gehörten. Oft waren es Gruppen.
Manchmal erkannte er sich selbst. Ihm kam der Gedanke, sich umzudrehen, aber der
Einfall verflog, sobald er fertig gedacht schien. Er wollte nur nach Hause. Ihm
war unheimlich, nein, nicht unheimlich, denn das alles hier hatte keinen
schlechten Beigeschmack. Es war nur so sehr anders als alles, was er in Worte
oder in Gedanken fassen konnte, dass er unsicher wurde und sich schwach und
allein fühlte. 'Du kannst zurückkehren, musst aber den Weg betreten mit all
deinen Erinnerungen. Jedem steht es frei, das zu tun. Viele tun das. Nicht alle
bleiben, viele sind wie du und trauern dem Leben, wie sie es bisher kannten,
nach.' Keine Stimme, nur Gedanken, nicht deutbar, woher sie kamen und was sie in
ihm anrührten. "Was muß ich tun?" 'Hast du schon einmal Menschen
getroffen, bei denen du das Gefühl hattest, sie gut zu kennen, obwohl ihr euch
noch nie begegnet seid? Diese Seelen haben sich dafür entschieden, mit all
ihren Erinnerungen zurückzugehen. Aber die Entscheidung ist schwer, das
Durchhalten noch schwerer und niemand weiß, was von dem übrigbleibt, was DU
warst, wenn du am Ziel bist.'
Er versuchte es oft, wie oft
konnte er nicht sagen, weil es hier keine Zeit gab. Keine Möglichkeit, das
Verstreichen von dem festzustellen, was für ihn Zeit gewesen war, bevor er
hierher kam. Aber nach einer Weile versuchte er es nicht mehr so häufig und mit
nicht so viel Ernst wie das Mal zuvor. Zu schmerzlich war es, auf die Menschen
zuzugehen, die ihm auf dem Pfad entgegenkamen, um nicht vor ihnen haltzumachen,
sondern durch sie hindurchzuschreiten und im gleichen Moment den unglaublichen
Verlust zu spüren, den es bedeutete. Die Stimme hatte gesagt: 'Du musst auf dem
gleichen Weg zurückkehren, auf dem du gekommen bist. So war es immer. Aber hier
vergeht keine Zeit. Du bist zeitlos hier. Du hast für immer, um dich zu
entscheiden, wie auch immer diese Entscheidung aussehen mag. Alles ist ewig
hier. Streife umher, sei du selbst.' Obwohl er wusste, dass er nicht sprechen
musste, um zu kommunizieren, formte er die Worte sehr bewusst in seinem Kopf:
"Bist Du Gott?" Ein Gefühl von Wärme und Zuneigung erfasste ihn,
eine Welle von Geborgenheit und Fürsorge. 'Viele stellen mir diese Frage,
manche ehrfürchtig, viele zornig, wieder andere ergeben. Aber selten tut es
jemand nach so kurzem Verweilen hier wie du. Warum ist das wichtig? Wirst du
meine Worte und dein Hiersein anders beurteilen, wenn ich deine Frage
beantworte? Möchtest du, dass ich Gott bin oder wäre es dir lieber, ich
verneinte?' "Ich weiß es nicht. Ich bin so verwirrt." 'Das ist nichts
Schlimmes. Dies ist eine Phase der Orientierung. Geh nun. Beschreite den Weg zurück,
wenn immer dir danach ist. Alles was du tust, wird richtig sein.'
Immer
wieder ging er zurück an den Beginn des Pfades, der ihn zurückbringen würde.
Er wusste, dass die Stimme nicht log. Hier gab es keine Falschheit. Aber der
Verlust, den er deutlicher spürte als alles andere, machte es ihm immer und
immer schwerer, durch die Menschen, mit denen er sein Leben geteilt hatte,
hindurchzugleiten und sie danach unwiederbringlich zu verlieren. Einige male
passierte auch gar nichts, aber diese Erlebnisse überwogen bei weitem nicht die
Niedergeschlagenheit und das Gefühl, von den restlichen alleingelassen zu
werden. Irgendwann hörte er auf, sich selbst zu quälen. Er konzentrierte sich
auf das Jetzt. Da er keinen Körper hatte und nurmehr Bewusstsein war, war
nichts weit weg, alle Ziele lagen direkt vor seinen Augen. Ein
sonnendurchfluteter Hain mit einem goldgelben Wasserfall war sein liebster
Platz. Es gab Vögel und Wild, seltsam aussehende Wesen, die wie Seide
schimmerten und sich schwebend bewegten, so dass es aussah, als bestünden sie
aus fließendem Wasser. Er stand in etwas, das wie Moos aussah, eine
unbestimmbare Farbe hatte und sehr weich anmutete. Und wieder wurde ihm trotz
all der Wunder und des Friedens sein eigener Verlust bewusst: Seelen - oder was
immer er jetzt war - sind nicht greifbar. Sie können sehen und fühlen, aber
sie können weder berühren noch hören. Bald schon befiel ihn in diesem Garten
der gleiche Verlust wie am Beginn des Pfades. Als nächstes streifte er durch
wundervolle Berge und Täler, die dauerhaft im Rot einer untergehenden Sonne glühten.
Kein Sand unter seinen Füßen spürbar, nichts von der trockenen Luft, die
einen solchen Abend wirklich machte. An einem großen See beobachtete er die
majestätischen Schwäne, wie sie auf dem spiegelglatten Wasser ihre Kreise
zogen, erhaben und friedvoll. Ein kleines Tier, dunkel und mit flauschigem Fell,
huschte vor ihm durch das Schilf und meinte, die Frösche müßten nun bald ihr
Konzert anstimmen. Wie gern hätte er das hohe blühende Gras berührt und die Füße
von dem nahen Steg aus in das dunkle Wasser baumeln lassen. Der Verlust wurde
immer stärker. In jeder dieser Traumlandschaften fand er etwas, was er
schmerzlich vermisste. Er drehte
sich um und dachte sich den Weg zurück, den er gekommen war. Die Berglandschaft
war einer Wiese gewichen, auf der eine riesige Ansammlung von Schafen, Kühen
und wilden Ponys weidete. Ein Fohlen kam zutraulich auf ihn zu. Er stellte sich
vor, wie es zärtlich seinen Arm anstupste und wie er die Hand auf die weiche
Stelle zwischen den Nüstern legen und das kleine Pferdchen streicheln würde.
Er hätte gern geweint, aber er konnte nicht weinen. Er ließ das Fohlen hinter
sich und setzte seinen Weg fort. Aus dem goldenen Wasserfall war ein Garten
geworden, der riesige Blumenbeete mit scheinbar verworrenen Mustern enthielt.
Alle Farben leuchteten aus riesigen Blütenkelchen, kleinen Blumenteppichen und
von Sträuchern und Bäumen, die kühlen Schatten spendeten. Die Blumen verströmten
sicher einen betörenden Duft, dort die Rosen, da der Flieder. Er konnte nichts
davon wahrnehmen. Sein Entschluß stand fest. Plötzlich stand er am Beginn des
Pfades. 'Du konntest keinen Frieden finden, nicht wahr?' "Nein, ich denke
nicht. Zuviel fehlt mir. Ich werde es noch einmal versuchen." 'Wenn die
Verluste deiner Sinne dich derart quälen, wirst du den Weg bis zum Ende gehen.
Glück wünsche ich dir nicht, denn das gehört nicht dazu. Wir werden uns
wiedertreffen.' Dann war die Stimme fort. Er machte den ersten symbolischen
Schritt auf den Pfad und vor ihm tauchten wieder die Gesichter und die Menschen
aus seinem Leben auf, das, so unwirklich es ihm hier schien, doch das seine
gewesen war. Jedes Durchschreiten einer Person oder einer Gruppe tat weh, viel
mehr, als er es in Erinnerung hatte, und er begann zu schreien. Ihm war eng in
der Brust, überall fühlte er sich eingeengt und er bekam keine Luft mehr. Noch
jemand schrie, panisch und schmerzerfüllt. Auf einmal bekam er wieder Luft,
schrie aber immer noch, fuchtelte mit den Armen, konnte die Augen nicht öffnen.
Und er wusste nichts. Aber es würde zurückkommen.
So
wie es im Leben jedes Menschen Augenblicke gibt, in denen man Dinge sieht oder fühlt,
die scheinbar nie passiert sind.
(c)
Alien, 2002
Zurück zu
Eigene Texte
Zurück
ins Wohnzimmer
Zurück zu
AlienJester