FREUNDE
Salid hatte auf
den Anruf reagiert, natürlich war er sofort gekommen, als sein alter Partner
ihn zu Hilfe gerufen hatte. Nein, Kareel war wohl einmal sein Partner gewesen,
aber das lag Jahre zurück. Jetzt war der Mann, den Salid vor sich sah, sein
Freund. Sie hatten viel gesehen und viel getan - zusammen. Sie waren durch etwas
verbunden, das vielleicht nicht wirklich Freundschaft war, aber etwas
Vergleichbares, für das es in der Welt, in der sie beide, in der ihr ganzer
Berufsstand existierte, keinen Namen gab. Möglicherweise gab es nirgends einen
Namen dafür. Doch vielleicht hatte er sich auch in diesem Menschen getäuscht
wie er sich noch niemals zuvor in irgendetwas getäuscht hatte. Diese Erkenntnis
traf ihn wie ein Blitzschlag. Und trotzdem - es war, als wisse er erst jetzt
wirklich, was er zu tun hatte, als er ihn aus dem Sessel
heraus ansah...
Sie hatten sich
vor Jahren kennengelernt, zu einer Zeit, als Salid in seiner Heimat noch mit
einer Horde Söldner jeden Polizeitrupp niedergeschossen hatte, der ihnen über
den Weg gelaufen war. Die größte Untergrund-Organisation des Landes ließ eine
Menge springen für Leute, die sich nicht scheuten, Polizisten und hohe Beamte
zu ermorden. Das war ein Job nach Salids Geschmack gewesen. Keine langwierigen
Erklärungen. Kurze, präzise Anweisungen - daraus folgten für ihn kurze, präzise
und saubere Arbeiten. Er hatte es immer gehaßt, sich in Schranken zwängen zu müssen.
Er war gerne sein eigener Herr gewesen und wenn das beinhaltete, daß dabei ein
paar (oder auch ein paar mehr) Menschen ihr Leben lassen mußten, dann hatte er
kein Problem damit, denn es waren niemals Unschuldige gewesen.
Er hatte niemals
Fehler gemacht - bis er eines Tages an einer Straßenecke sie hatte stehen
sehen. Danach hatte er viele Fehler gemacht - bis er sich von ihr hatte trennen
müssen. Es war eine der Situationen gewesen, die man kommen sah, von denen man
wußte, daß sie schlimm enden würden und gegen die man trotzdem nicht ankommen
konnte. Er war verloren gewesen, seine Welt schrumpfte auf einen kleinen Rahmen
zusammen, in dessen Mittelpunkt sie gestanden hatte - ihr Name war Jasmina
gewesen. Er hatte sie nicht geliebt - oder doch - vielleicht - er wußte es
nicht. Auf jeden Fall hatte es ihm leid getan, sie töten zu müssen, doch er
konnte nichts zurücklassen, und er hatte sie nicht mitnehmen können, nicht
dorthin, wo er hinging und nicht in dem Zustand, in dem sie sich befunden hatte.
Nicht in diese ungewisse Zukunft, vor der er selbst ein wenig Angst hatte. Doch
ihr Bruder hatte es paradoxerweise verstanden, hatte verstanden, warum Salid so
gehandelt hatte, aus welchen Gründen er seine Schwester hatte töten müssen.
Im Gegenteil, er hatte sich ihm angeschlossen, und zusammen waren sie ein gutes
Team gewesen. Die Arbeitgeber von Salid hatten seinen neuen Partner akzeptiert,
obwohl sie anfangs doch etwas skeptisch gewesen waren, schien doch Salid selbst
den Ausdruck ‘Ich arbeite allein oder mit immer verschiedenen Personen,
niemals zweimal mit ein und derselben.’ geprägt zu haben. Im Gegenteil, seit
Jasminas Tod hatten Salid und Kareel ständig und nur noch zusammengearbeitet.
Jetzt, Jahre später,
wurde er zu Hilfe gerufen. Kareel hatte irgendetwas von einer Entführung erzählt
- zwar nicht gerade das, wofür er normalerweise bezahlt wurde, aber immer noch
besser als nichts - und daß “das Paket” schwierig zu handhaben sei, weil
sie dauernd weinen würde. Aber Salid machte sich deswegen keine Gedanken. Mit
den richtigen Medikamenten-Cocktails und einigen wohlüberlegten Drohungen würde
“sie” schon Ruhe geben. Kareel hatte am Telefon auch gesagt, daß er, Salid,
sich durchaus mit ihr vergnügen könne, wenn er das wolle. Sie sei gut und sie
würde sich nicht wehren, wenn man ihr drohte. Sie hatten manchmal die selben
Frauen gehabt, manchmal auch zusammen, denn sie hatten stets alles brüderlich
geteilt. Doch der Klang in Kareels Stimme hatte Salid aufhorchen lassen. An
diesem “Paket” war etwas ganz Besonderes, das spürte er. Er war schließlich
nur noch am Leben, weil er sich immer auf seine Instinkte hatte verlassen können.
Sie hatten ihn noch nie betrogen.
Als Salid in das
billige Hotel kam, wandte er sich sofort nach rechts, in Richtung der Treppe.
Kareel hatte ihm den Weg genau beschrieben, und Salid wäre nicht Salid gewesen,
hätte er sich nicht jedes Detail beim ersten Hören oder Sehen eingeprägt. Der
Jäger starb nie, sinnierte er, als er das vollgekritzelte Treppenhaus
hinaufstieg. Als er vor dem Zimmer mit der genannten Nummer stehenblieb, hörte
er hinter der Tür einige leise Geräusche. Es konnte ein Fernseher sein - oder
auch eine Frau, die sich eben doch gegen einen Mann wehrte. Fast gegen seinen
Willen mußte Salid lächeln. Er sah im Geiste Kareel vor sich, mit blauem Auge,
einer aufgeplatzen Lippe, blutigen Fingernagelspuren quer über der Wange und
einem Ausdruck im Gesicht, der klarmachte, wohin zumindest einer der Tritte und
Schläge der scheinbar
wehrlosen Frau getroffen hatte. Er mußte sich zur Ordnung rufen, wollte
er nicht über beide Ohren grinsen, wenn Kareel die Tür öffnete.
Er wartete noch
einige Sekunden ab und klopfte dann in dem vereinbarten Rhythmus an die Tür.
Aus dem Zimmer drang Kareels Stimme, die barsch einen Satz bellte, dann öffnete
erdie Tür gerade so weit, daß er Salid, der natürlich in genau diesem
Ausschnitt gut sichtbar stand, erkennen konnte. “Komm herein, mein Freund”,
sagte er, öffnete die Tür und die Männer umarmten sich kurz. Salid musterte
sein Gegenüber genau. Sie hatten sich eine Weile nicht gesehen und Kareel
schien gut zu leben, wie das leichte Doppelkinn und der Bauch vermuten ließen.
Doch das war längst nicht alles, was ihm auffiel. Sein Gesicht war leicht gerötet,
seine Wangen glühten in einem leichten inneren Feuer, was entweder bedeutete,
daß Kareel kurz zuvor aus einem langen Schlaf erwacht war - was nicht sein
konnte, denn sie hatten ja vor noch nicht einmal einer halben Stunde telefoniert
- oder aber... Salids Blick glitt aufmerksam durch den Raum, fand zwei Türen,
von denen die eine ins Bad führte, wie er sehen konnte. Hinter der anderen
befand sich also das Schlafzimmer. Die Tür war ebenfalls nur angelehnt, und
dahinter sah er einen kleinen Ausschnitt des Fußbodens, auf dem sich
Kleidungsstücke und Kissen durcheinandergemischt hatten.
Kareels Blick
folgte dem Salids und er wischte sich lüstern mit der Hand über den Mund.
“Sie ist wirklich gut. Geh hinein und nimm sie dir. Du wirst es nicht bereuen,
das verspreche ich dir.” Irgend etwas an der Art, wie er die Worte 'nimm sie
dir' betonte, gefiel Salid nicht. Doch er konnte es nicht greifen, genauso wie
ihm etwas an der Kleidung auf dem Boden aufgefallen war, das er noch nicht
richtig einordnen
konnte.
“Laß
uns zuerst über die Umstände dieser Entführung sprechen”, begann er ohne
Umschweife, “du scheinst die Sache gut im Griff zu haben, wozu brauchst du
mich?”
“Als
ich den Auftrag angenommen habe, kannte ich noch nicht alle Einzelheiten. Es
erfordert zwei Leute dafür, weil Besorgungen gemacht werden und Vorbereitungen
getroffen werden müssen. Und ich kann sie nicht so lange allein lassen. Du
kennst dich doch so gut mit diesen Schlafmedikamenten aus und da dachte ich, du
würdest mir vielleicht helfen. Und Geld ist schließlich Geld. Der Job wird
wirklich gut bezahlt.”
“ Worum geht es
eigentlich? Was will dein Auftraggeber erreichen?”, wollte Salid wissen.
Und Kareel erzählte
ihm alles, was er wußte, ließ nichts aus und dichtete nichts hinzu, denn Salid
hätte es gemerkt und sich aus der Sache zurückgezogen, noch bevor er überhaupt
eingestiegen war. Er mochte interessiert sein, doch er war auch konsequent, wenn
es um seine Prinzipien ging. Kareel fing also an, von politischen Interessen und
der Verstrickung einzelner Kabinettmitglieder in wirtschaftliche Skandale zu erzählen
und Salid hörte mit mäßigem Interesse zu. Das war nicht das, was er wissen
wollte. Wohl gehörte es zu dem, was er wissen mußte, doch er speicherte es nur
auf einer unterbewußten Ebene, von der die Informationen bei Bedarf abgerufen
werden konnten, die aber nicht im Vordergrund seines Denkens stand.
Aus dem
Nebenzimmer drang ein leises Wimmern - ein Schluchzen in das Kissen, mehr nicht.
Kareel hob die Stimme und sagte in scharfem Ton: “Wenn du nicht sofort aufhörst,
dann komme ich zurück, und dann passiert was!” Das Wimmern verstummte
augenblicklich, doch der Klang dieser dünnen Stimme beunruhigte Salid zutiefst.
Und noch schlimmer war, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, warum
eigentlich. Während Kareel fortfuhr, von Wirtschaftsbossen und Firmenfusionen
zu berichten, kniff Salid mehrmals die Augen zusammen und legte den Kopf leicht
auf die Seite, doch das Schluchzen wiederholte sich nicht. Doch dieses Unbehagen
blieb. Seltsam - diese Stimme...
Er mußte sich
fast dazu zwingen, mit seinen Gedanken wieder zur eigentlichen Geschichte, der,
die Kareel erzählte, zurückzukehren. Es war immer noch nicht nennenswert
interessanter geworden, doch jetzt tauchte in den Erläuterungen seines alten
Partners immer öfters der Name ‘Burgschneider’ auf. War er nicht einer der
Neuen im Stadtparlament? Salid hatte sich nie um Politik geschert, in seinen
Augen war dieser Berufsstand eine Krankheit, ein Geschwür, das von innen heraus
den ganzen Organismus, der ein Staat nun mal war, auffraß. Politiker redeten,
ohne wirklich etwas zu sagen, strichen dafür horrende Summen dafür ein und saßen
sich in ihren Plenarsälen die Hintern platt - wenn sie überhaupt erschienen.
Aber warum Salid sie eigentlich so haßte, war, weil sie mit dem Strom
schwammen. Er verachtete solche Leute. Nein, hassen war noch nicht einmal das
richtige Wort. Haß war ein sehr starkes Gefühl und diese Menschen waren es in
seinen Augen nicht würdig, daß man auch nur einen Gedanken an sie
verschwendete. Er verabscheute sie einfach nur, wie man Spinnen oder Insekten
verabscheuen mochte. In Salids Augen jedoch hatte jede Fliege und jede
Kellerassel eine größere Daseinsberechtigung als ein Politiker.
“... hatte mein
Auftraggeber die Idee, daß wir die Burgschneider entführen, so daß er in der
nächsten Stadtratssitzung etwas mehr Verständnis für das Bauunternehmen
zeigt, daß Hackel, meinem Auftraggeber gehört. Und deswegen muß ich mich für
ein paar Tage um die Gute kümmern. Und - glaube mir - das tue ich wirklich rührend.”
Salid schreckte
aus seinen Grübeleien
hoch und sah, wie sich Kareel nach diesen Worten in den Schritt griff und
zufrieden kratzte. ‘Oh meine Güte, ist das widerlich!’, dachte er und zum
ersten Mal sah er in den Augen seines Waffenbruders etwas, das ihn zutiefst
erschreckte. Einen Glanz, der irgendwie ... krank war. Ein ungesundes Flackern,
wie es in den Augen eines Menschen erscheinen mag, der langsam wahnsinnig wird.
Ihm wurde in diesem Moment klar, wie wenig er über den Bruder seiner toten
Geliebten eigentlich wußte. Was interessierte Kareel, was fand er abstoßend?
Über solche Dinge hatten sie sich nie unterhalten. Doch was er jetzt in Kareels
Gesicht sehen konnte, das gefiel ihm ganz und gar nicht. Es war... ja, krank
eben. Anormal.
“Bist du jetzt
dabei oder nicht?”
“Was? ... äh,
ja, ich denke schon.”
“Gut, dann paß
mal auf das Goldstück auf, ich muß zu einem Treffen mit Hackel. Er telefoniert
nicht gerne - aus Angst, man könnte seine Leitungen verwanzt haben. Kann länger
dauern, weil ich danach noch was anderes zu erledigen habe, vielleicht bin ich
die ganze Nacht weg. Ist das in Ordnung für dich?”
Salid nickte nur,
doch dann fiel ihm noch etwas ein: “Ach ja, hast du etwas Eßbares da, ich bin
nach deinem Anruf gleich losgefahren und habe seit gestern abend nicht mehr
gegessen.”
"Salid, Salid,
mein Freund, dein Essen liegt im Schlafzimmer”, sagte Kareel, immer noch mit
diesem abstoßenden Ausdruck auf dem Gesicht und dieser seltsamen Stimme.
Damit drehte sich
Kareel um und ging. Salid war allein - mit der Frau im Schlafzimmer. Er überlegte
einen Moment - hätte jemand ihn in diesem Augenblick beobachtet, hätte er
gedacht, Salid würde sich auf ein Geräusch konzentrieren, denn er hatte den
Kopf wieder leicht zur Seite geneigt, die Augenbrauen zusammengezogen und schien
angestrengt zu lauschen. Er rief in Richtung des Schlafzimmers: “Möchtest Du
was essen? Um die Ecke habe ich eine Pizzeria entdeckt, als ich hergekommen
bin.” Kein Laut drang aus dem angrenzenden Raum und Salid nahm an, daß sie
eingeschlafen war.
Er drehte sich
einmal um seine eigene Achse, unschlüssig, was er tun sollte. Hinter seiner
Stirn meldete sich eine Stimme: Wieso gehst du nicht
einfach in dieses Zimmer und siehst sie dir an? Irgendetwas stinkt hier ganz
gewaltig, nicht wahr? Du glaubst nämlich, daß der gute Kareel es diesmal ein
wenig zu weit getrieben hat, stimmts? Jetzt fessel und knebel das Weib und hol
dir deine Pizza, danach kannst du dich immer noch über sie hermachen -
vielleicht ist es mal was anderes als die billigen Barschönheiten, die du sonst
immer aufgabelst.
Er versuchte, die
Stimme in seinem Kopf zu ignorieren, doch er konnte es nicht. Was war nur los
mit ihm? Seit er dieses Zimmer betreten hatte, wurde er das sichere Gefühl
nicht mehr los, daß etwas nicht stimmte, ganz und gar nicht stimmte. Diese
Laute aus dem Schlafzimmer, die Kleidung auf dem Boden,
Kareels Verhalten und der merkwürdige Ton in seiner Stimme... all das
beunruhigte ihn zutiefst, ohne daß er sagen konnte, wieso.
Aber er mußte
wirklich etwas essen, sonst würde er Kopfschmerzen bekommen und sich noch mehr
Gedanken machen, die so zu rein gar nichts führten. Er suchte nach etwas, womit
er die Hände der Frau zusammenbinden konnte, fand ein breites Stoffband auf dem
verkratzten Eichenimitat-Tisch, der mitten im Zimmer stand und ging auf die
Schlafzimmertür zu. Mit dem Handrücken der rechten Hand schob er die Tür
langsam auf und erstarrte.
Auf dem Bett lag,
zu einem kleinen Knäuel zusammengerollt, “die Burgschneider”. Salid schätzte
sie auf ungefähr vier oder fünf. Für mindestens 10 Sekunden starrte er das Mädchen
an, er bewegte sich in dieser Zeit nicht - ja, er atmete nicht einmal. Er konnte
nicht denken und er fühlte -
Plötzlich drehte er sich auf dem
Absatz um, ließ das Band fallen, raste quer durch den Wohnraum und übergab
sich würgend in die Toilette. Seine Gedanken rasten. Ein Kind. Ein kleines
Kind. Dieser Idiot, dieser gottverdammte Idiot. Wie konnte er nur ... Salid würde
ihn umbringen.
Er würde ihm das Herz herausreißen. Dieser Bastard. Und er hatte sich
auch noch an ihr vergangen, nicht, daß er ihr mit dieser ganzen Situation schon
genug zusetzte, nein, er hatte diesem kleinen Körper auch noch Gewalt angetan.
Salid mochte als grausam gelten, doch er war ein gerechter Mensch, und dieses
unschuldige Kind dort im Schlafzimmer hatte nichts getan, nichts verbrochen, das
so etwas rechtfertigte. Er hatte recht gehabt. Kareel war krank. All das schoß
durch sein Bewußtsein, als er kopfüber in der Toilette hing. Als er schließlich
nur noch bittere Galle ausspuckte, holte er tief Luft und stand mit einem Ruck
auf. Sofort wurde ihm schwindlig, das Blut in seinem Kopf
rauschte in seinen Ohren wie eine gefährliche Meeresbrandung, doch es riß
auch die unkoordinierten Gedankenfetzen mit sich fort. Er ging zur Dusche,
drehte den Kaltwasserhahn auf und hielt den Kopf unter die Brause. Eisige Kälte
griff nach seinem Gehirn und vertrieb die ekelhaften Bilder von Kareel, der
dieses kleine Kind vergewaltigte und es aus ganzem Herzen genoß.
Er
sah in den Spiegel über dem Waschbecken und ein dunkles Augenpaar war alles,
was er darin erkennen konnte - Jasminas Augen. Sie hatte ihm gesagt, daß sie
ein Kind von ihm erwartete, wie glücklich sie sei und wie sehr sie hoffte, ihm
einen Sohn schenken zu können. Was, wenn es ein Mädchen geworden wäre? Sie wäre
jetzt ungefähr im selben Alter wie ... Er kniff die Augen zusammen, zählte
halblaut bis zwanzig und drehte sich vom Spiegel fort, viel heftiger, als es nötig
gewesen wäre.
Er
hatte nie etwas für Kinder übrig gehabt. Sie waren laut, machten Dreck und
nervten. Sie faßten alles an und brauchten Aufmerksamkeit. Salid wollte keine
Kinder. Er hatte es nie verstanden, daß Jasmina so scharf darauf gewesen war,
Windeln zu wickeln und Babybrei zu kochen. Nein, er hatte niemals Kinder
gewollt. Doch als er in den Augen der einzigen Frau, die er jemals hätte lieben
hönnen - wenn er sich solch ein Gefühl gestattet hätte -, die Freude über
ihr ungeborenes Kind entdeckt hatte, da hatte die stahlharte Schale um seine
Seele einen Riß bekommen. Er hatte es immer noch nicht verstehen können, er
wollte dieses Kind noch immer nicht, doch er konnte Jasmina nur bewundern für
die Selbstsicherheit, die sie an den Tag gelegt hatte, ihm das zu sagen. Sie wußte,
wie er über Kinder dachte, er hatte niemals einen Hehl daraus gemacht.
Vielleicht stimmte es wirklich, wenn man sagte, daß das Schlagen zweier Herzen
mit einem Blut im Körper einer werdenden Mutter ihr unglaubliche Stärke und
auch Mut verlieh. Er hatte den Trotz in ihren Augen gesehen und in ihrer Stimme
gehört, als sie darum gestritten hatten, was nun werden solle. Er würde sie
nicht heiraten, wie es die Familie verlangen würde, wenn sie von ihrem Zustand
erfuhr. Und sie war aufgebracht gewesen und hatte ihn angeschrien. Sie wäre gut
genug für die Vergnügungen gewesen, doch jetzt wolle er sich um seine
Verantwortung drücken. Sie hielte ihn deswegen für ein feiges Tier. Er hatte
ausgeholt und ihr eine Ohrfeige versetzen wollen, doch sie hatte kampflustig das
Kinn vorgestreckt und ihr beinahe verächtlicher Blick schien zu rufen: ‘Na
los, schlag schon zu, sei brutal und verhalte dich so, wie es sich für einen
Mann deines Kalibers gehört.’ Als er diesem Blick begegnet war, hatte er
kraftlos die Hand wieder sinken lassen. Ihre Augen hatten geleuchtet wie der
Mond in einer kalten Nacht in der Wüste und ihr Gesicht hatte geglüht vor
Erregung. Er war - entgegen seiner sonstigen Gewohnheit - in dieser Nacht nicht
gegangen, nachdem er sie geliebt hatte, sondern war bis zum Morgen bei ihr
geblieben, hatte in ihr Haar geflüstert, daß sie noch nie so leidenschaftlich
gewesen war wie in der vergangenen Nacht und hatte sich gewünscht, nie wieder
gehen zu müssen. Und vier Tage später hatte er sie erschossen.
Die
Zustände hatten sich rasend schnell zugespitzt. Die Miliz war ihm und seiner
Gruppe junger Söldner auf den Fersen gewesen, und die Schlinge begann sich
zuzuziehen. Eines Nachts hatte die Polizei dann schließlich einen von Salids
“Jungs” aufgegriffen und er mußte gesungen haben wie ein junger Sittich.
Denn innerhalb der nächsten 36 Stunden war seine gesamte Gruppe entweder
verhaftet oder getötet worden. Nur er war noch übrig geblieben, weil er geschäftlich
- ein lukrativer Auftrag ohne großes Risiko - für zwei Tage die Stadt
verlassen hatte. Als er zurückkam und bei Jasmina vorbeischaute, erzählte sie
ihm, daß die Miliz
bei
ihr gewesen wäre und ihr und ihrer Mutter gedroht hätte, Jasminas jüngsten
Bruder Hasim, der gerade mal 12 Jahre alt war, zu verhaften, wenn sie ihnen
nicht Salids Aufenthaltsort nennen würden. Da sie es jedoch wirklich nicht wußten,
hatten die Polizisten nach einigen Schlägen und Drohungen dann aber von ihnen
abgelassen und sich damit begnügt, Hasim grün und blau zu prügeln. Salid
hatte innerlich gekocht vor Wut. Doch äußerlich war er ganz ruhig geblieben,
als er Jasmina zugehört hatte, wie sie ihm den Vorfall schilderte. Sie hatte
sehr langsam gesprochen, denn ihre Wange war noch immer geschwollen gewesen. Er
hatte sich mit ihrem ältesten Bruder, Kareel, geeinigt, dem Polizeirevier, aus
dem die Schläger gekommen waren, einen Besuch abzustatten. Als er am Abend nach
Hause zu Jasmina kam, gab es kein Gebäude mehr, in das man Menschen zum Verhören
und Foltern bringen konnte. Anstelle des zweistöckigen Hauses gähnte ein Loch
in der Straße.
Doch
das hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Jetzt hatte er den Präsidenten der
Stadtgarde gegen sich. Er mußte aus dem Land verschwinden - und zwar
schleunigst und so leise wie möglich. Er wußte, wo er Papiere bekam, nicht
einmal falsche, sondern gültige Stempel, aber da war immer noch Jasmina. Was
sollte er nur mit ihr tun? Sie einfach zurücklassen, der Willkür des zornigen
Stadtgarde-Oberhauptes ausgesetzt? Dieser würde zweifellos seine Wut über
Salids Flucht an ihr auslassen, oder er würde sie für sich behalten. Salid spürte
eine heiße Welle von Eifersucht in sich aufsteigen, wenn er nur daran dachte,
daß dieser schleimige, nach Kautabak stinkende Molch seine Jasmina anrühren
sollte. Nein, das durfte nicht passieren. Aber er konnte sie unmöglich
mitnehmen. Was sollte er tun? Er fragte Kareel, doch auch dieser wußte keinen
Rat.
Salid
war in die Wüste hinausgefahren, hatte eine ganze Nacht lang allein auf dem
eiskalten Sand gesessen und nachgedacht. Seine Gedanken waren jedoch nur im
Kreis gewandert. Er hatte erbärmlich gefroren. Kurz vor dem
Morgengrauen dann war er zurück in die Stadt gefahren, seine Hände
waren so steif gewesen, daß er ein paarmal beinahe im unwegsamen Wüstengelände
vom Weg abgekommen wäre, doch sein Entschluß hatte festgestanden. Er hatte
geweint, letzte Nacht in der Wüste, niemand hatte ihn je weinen sehen und das würde
auch so bleiben. Er hatte getrauert in dieser Nacht. Um seine Jasmina und sein
ungeborenes Kind. Doch er konnte nicht aus seiner Haut. Er mußte auf seine
innere Stimme hören, die ihm sagte, daß es eine grausame, doch die einzig
richtige Enscheidung war.
Jasmina
hatte noch geschlafen, als er ins Zimmer geschlichen war und sich leise
ausgezogen hatte. Als er hinter ihr unter die Decke geschlüpft war, war sie
aufgeschreckt, denn seine Haut war noch immer schrecklich kalt gewesen. Auch
sein Inneres war kalt geworden, als er unter den Sternen gesessen und geweint
hatte. Sie hatte ihn in die Arme genommen und hatte nicht gefragt. Sie hatte
kein Wort gesagt, sondern sich nur an ihn geschmiegt. Er hatte sie lange und zärtlich
geliebt und als sie beide später erhitzt und mit geröteten Gesichtern
nebeneinander gelegen hatten, hatte sie gesagt: “Ich glaube, es wäre ein Sohn
geworden.” Nichts weiter. Dieser einfache Satz hatte ihm beinahe das Herz
gebrochen. Er hatte kaum die Kraft gehabt, mit einem Arm neben das Bett zu
greifen, wo er die Waffe mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer abgelegt hatte.
Sie aufzunehmen und zu sich heraufzuziehen überstieg beinahe seine Kräfte. Er
mußte die Augen zupressen, sonst hätte er vor Verzweiflung geschrien. Sie
hatte sich über ihn gebeugt, ihn mit ihren schwarzen Augen angesehen, ihr Haar
war auf seine Brust gefallen und hatte ihn gekitzelt und sie hatte gesagt:
“Ich bitte Dich nur um eines: nimm Kareel mit Dir. Sei gut zu ihm.” Sie
hatte ihn auf die Stirn geküßt, sich von ihm abgewandt und wieder neben ihn
gelegt. Sie drehte ihm den Rücken zu und machte es ihm leicht. Und er hatte
keine Kraft mehr gehabt, die Waffe über seinen Körper zu heben und abzudrücken.
Er konnte es nicht. Er liebte diese Frau nicht, doch sie trug sein Kind,
neues Leben, das er mitgeholfen hatte zu schaffen. Er setzte sich auf.
Jasmina blieb still liegen, kein Laut kam über ihre Lippen. Sie wartete darauf,
daß er schoß. Das war ihm von einer Sekunde auf die andere klargeworden. Wenn
er jetzt nicht zu Ende brachte, wozu er gekommen war, dann würde sie ihn
verachten. “Allah, vergib mir”, flüsterte er, hob die Waffe, zielte kurz
und drückte ab. Anschließend sprang er aus dem Bett, ließ angewidert die
Waffe fallen, rannte ins Bad und übergab sich.
Die
Erinnerung an diese schreckliche Nacht ließ ihn zittern. Er hatte daraufhin
lange nicht mit einer Frau zusammensein können, weil er irgendwie dachte,
Jasmina dadurch etwas von ihrer Würde zu nehmen. Doch die Trauer verging. Sie
war eine schöne Frau gewesen, stolz und klug. Eine Person nach seinem
Geschmack, denn so war er auch. Er fuhr sich durch die kurzen nassen Haare und
fragte sich, was er als nächstes tun solle. Er mußte etwas unternehmen, und
zwar schleunigst. Ein leises Schluchzen ließ ihn hochfahren. Sie weinte - sie
war aufgewacht und weinte. Sie mußte schreckliche Angst haben. Was sollte er
nur tun? ‘Oh Kareel, du verfluchter Kameltreiber. Was hast du mir da nur
eingebrockt?’, dachte er wütend und versuchte, sich zu beruhigen. Er mußte
zu der Kleinen gehen und sie irgendwie dazu bringen, mit dem Weinen aufzuhören.
Er wollte sie nicht fesseln und auch nicht knebeln und er wollte sie schon gar
nicht mit Medikamenten ruhigstellen. All das widerstrebte ihm zutiefst aus einem
einzigen und dem einzig wichtigen Grund: sie war ein unschuldiges Kind.
Er
ging langsam wieder auf die Schlafzimmertür zu, er hatte keine Ahnung, was er
tun oder sagen sollte. Er trat durch die Tür und die Kleine schreckte auf, ihre
Augen weiteten sich erschrocken, doch als sie erkannte, daß es nicht Kareel
war, der gekommen war, um ihr erneut wer weiß was anzutun, da entspannte sie
sich ein wenig und setzte sich auf, die kleinen dünnen Ärmchen immer noch fest
um ihre Knie geschlungen. Salid konnte erkennen, daß auf ihren Oberarmen und
auch den Beinen bereits blaue Flecke prangten. Seine Wut auf Kareel wurde
beinahe unerträglich. Langsam machte er noch einen weiteren Schritt auf sie zu
und fragte dann leise: “Wie heißt du? Du hast doch sicher Hunger und Durst,
oder?”
Seine
Stimme zumindest schien ihr keine Angst zu machen; es war etwas Sanftes darin,
das ihn selbst verwunderte. Er hatte keine kratzige oder rauchige Stimme, wie
man es bei einem Mann seiner Herkunft oder seines Aussehens und seiner Statur
erwarten mochte - im Gegenteil, sie war ruhig und ausgeglichen, sonor und
angenehm. Die Kleine schien den fast zärtlichen Hauch in seiner Stimme zu spüren
und sie verstand, daß sie von ihm zumindest im Moment nichts zu befürchten
hatte, denn sie sah ihn mit wachen und fast neugierigen Kinderaugen an und er
war etwas überrascht, wie fest ihre Stimme klang und wie aufgeregt sie plötzlich
war: “Ich heiße Patricia, aber meine Mama sagt Patti zu mir. Bringst du mich
zu meiner Mama? Paßt du jetzt auf mich auf und nicht mehr der andere Mann? Er
hat mich gehauen und er hat mir Kekse versprochen, wenn ich ihn anfasse. Und
weil ich nicht wollte, da hat er mich noch mehr gehauen
und -”. Sie verstummte mitten im Satz und Tränen der Erinnerung
stiegen in ihre Augen. Salid konnte sie nur anstarren, er war unfähig, einen
klaren Gedanken zu fassen. Beinahe flüsternd wiederholte er seine zweite Frage:
“Hast du Hunger oder Durst?” Patricia nickte heftig. “Durst, großen
Durst. Mein Hals tut weh.”
Salid
nickte. “Ich hole dir etwas zu trinken.” Er verschwand im Wohnraum und
kramte in dem kleinen Schränkchen, das einige Kleidungsstücke von Kareel und
eine Reisetasche mit Getränken - größtenteils alkoholischen- und einigen
Packungen Knabberzeug enthielt. Er schnappte sich eine der wenigen Flaschen
Mineralwasser und eine Tüte Salzstangen und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Er
ging zu dem Mädchen und legte beides vor ihr auf das Bett. Er mußte laut
lachen, als sie ihn von unten herauf vorwurfsvoll ansah und in tadelndem Ton
bemerkte: “Und wo ist das Glas?” In Gedanken mahnte er sich zur Vorsicht:
Was tue ich hier eigentlich? Diese Kleine hat etwas Entwaffnendes an sich. Ich
darf mir nicht erlauben, sie zu sehr zu mögen. Ich muß einen klaren Kopf
behalten. In barschem Ton, der das Mädchen trotzdem nicht erschreckte, sagte
er: “Du verhältst dich jetzt still, verstanden? Ich will kein Weinen mehr hören
und du wirst auch nicht um Hilfe rufen, ist das klar?” Sie sah ihn nur an, während
sie äußerst konzentriert an einer Handvoll Salzstangen mampfte. Doch Salid wußte
trotzdem, daß sie still sein würde.
Er
nickte und ging zurück ins Wohnzimmer. Er ließ sich erschöpft und unendlich müde
auf das abgewetzte Sofa fallen und legte den Kopf zurück, bis er gegen die Wand
schlug. Sein Kopf dröhnte, das ganze Zimmer schien sich um ihn zu drehen.
‘Wie komme ich da nur wieder raus?’, fragte er sich immer und immer wieder.
Er brauchte einen Plan. Auf Kareel wollte er nicht hoffen, er konnte ihm niemals
mehr vertrauen. Sein Vertrauen in diesen, -- dieses Tier war weggefegt, so als hätte
es niemals existiert. All die Jahre - und nun das. Er fragte sich, ob er einfach
die Polizei rufen oder das Mädchen in der Pizzeria unten an der Ecke abliefern
sollte. Er könnte sagen, daß er sie zufällig aufgelesen hätte und daß sie
sich verlaufen hätte. Sie würde sicher mitspielen. Aber, nein, das war nicht
sein Stil. Er konnte doch wohl für ein paar Stunden auf dieses Gör aufpassen,
ohne gleich weich zu werden. Meine Güte, er hatte Schlimmeres gesehen als ein
vergewaltigtes Kind in einem weichen, großen Bett. Ach
ja, und was? Dieses Argument funktioniert nicht, mein Freund. Denk dir ein neues
aus.
Lange
hörte er nichts aus dem angrenzenden Zimmer, doch dann klang Patricias Stimme müde
durch den Spalt in der Tür: “Ich muß mal Pipi.” Er öffnete nicht einmal
die Augen. “Dann geh.” Er hörte sie kurz rumoren, als sie vom Bett
kletterte. Dann beobachtete er, den Kopf noch immer an die Wand gelehnt, aus
halboffenen Augen, wie sie entschlossenen Schrittes durch das Zimmer stiefelte
und im Badezimmer verschwand. “Brauchst du Hilfe?” Im nächsten Moment hätte
er sich dafür am liebsten selbst auf die Zunge gebissen. Wieso dachte er nicht,
bevor er sprach? Umso mehr verblüffte ihn die Antwort des Kindes: “Nein. Ich
bin schon groß. Kannst du denn nicht allein Pipi machen?” Salid mußte
grinsen, er kicherte sogar kurz, wurde aber übergangslos wieder ernst. Er
konnte sich das Verhalten des Mädchens nicht erklären. Vielleicht würde der
richtige Schock erst später kommen. Kurze Zeit später ertönte die Toilettenspülung.
Er saß noch immer auf der Couch, als sie zurück ins Wohnzimmer kam. Sie ging
jedoch nicht wieder ins Schlafzimmer zurück, sondern setzte sich mit
untergeschlagenen Beinen auf einen der beiden Sessel. Sie saß einfach nur da
und sah ihn an. Nicht vorwurfsvoll, nicht ängstlich, nichts von dem, was er in
den Augen eines Kindes in ihrer Situation erwartet hätte. Sie legte den Kopf
ein wenig schräg und begann zögernd, aber dann immer schneller zu erzählen
und zu fragen: “Du kommst auch daher, wo der andere Mann herkommt, stimmts? Du
bist auch so braun. Deine Haare sind auch so schwarz. Meine Eltern sind ganz
blond, ich auch. Im letzten Sommer waren wir in der Trükrei und da sahen die
Leute alle so aus wie du.”
“Türkei,
es muß Türkei heißen. Aber das ist nicht meine Heimat.”
"Wo
denn dann her?”
“Aus
dem Iran.”
“Wo
ist denn das - weit weg von hier?”
“Ja,
weit weg.”
“Wann
gehst du wieder nach Hause? Was machst du hier? Gefällt es dir zu Hause nicht?
Bist du weggelaufen?”
Salid
hatte natürlich nicht vor, auf diese Fragen zu antworten. Er hatte schon viel
zu viel gesagt. Doch dieses Kind war besser als jeder Polizei-Verhör-Spezialist.
Sie hatte etwas derart Entwaffnendes und Vertrauenswürdiges, daß er einfach
hatte antworten müssen.
Es
klopfte an der Tür - im vereinbarten Rhythmus. Die Augen des Mädchen wurden
groß und dunkel vor Angst. Salid schreckte auf und sagte zu ihr: “Geh zurück
ins Schlafzimmer und leg dich wieder hin.” In absichtlich rauhem Ton fügte er
hinzu: “Und keinen Mucks!” Sie verschwand ohne ein weiteres Wort im
angrenzenden Raum. Salid ging zur Tür, ließ Kareel ein und schloß sie schnell
wieder. Anschließend trat er wie zufällig in Kareels Weg, als der sich in
Richtung des Schlafraumes wandte.
“Es
hat doch nicht so lange gedauert, wie ich gedacht hatte.” Als er Salid voll
angezogen sah, rutschten seine Augenbrauen näher zusammen. “Du warst aber
wirklich schnell. Ich dachte, ich kriege noch etwas zu sehen, wenn ich mich so
beeile.” Ohne Vorwarnung schlug Salid ihm die Faust in die Magengrube, mit der
anderen packte er ihn blitzschnell am Kragen, daß er nicht zusammenbrach und
zischte: “Bist du vollkommen verrückt geworden? Das da drinnen ist ein
kleines Mädchen! Ein Kind!”
Als
Kareel wieder Luft bekam, sah er seinen alten Partner verständnislos an und
murmelte gequält: “Brüder in allem, Salid. Was hast du denn? Gefällt sie
dir nicht?”
Salid
musterte den Mann, der sich vor ihm krümmte, abfällig. “Du bist krank,
Kareel. Dein gutes Leben in den letzten Jahren hat dich weich und krank
gemacht.” Als er keine Antwort, sondern nur einen fragenden Blick von Kareel
bekam, fuhr er fort: “Was hätte dein Vater wohl mit einem Kerl getan, der
sich an Jasmina vergangen hätte, als sie so alt war wie ... die Burgschneider
jetzt?” Gerade noch geschafft, was? Du wolltest doch tatsächlich Patricia
sagen! Kareel hatte sich inzwischen wieder aufgerichtet, doch in seinen
Augen schimmerten Tränen des Schmerzes.
“Er
hätte ihn umgebracht.”
“Ja,
genau, er hätte ihn umgebracht. Ich weiß zwar genausogut wie du, daß in
diesem Land hier niemand hingerichtet wird, aber das ist noch lange kein Grund,
alles zu vergessen, was du bist und was dir beigebracht wurde. Du elender Narr.
Ich will nichts mehr darüber hören, du rührst sie nicht mehr an, hast du mich
verstanden?”
Als
Kareel trotzig den Blick hob, um zu einem Widerwort anzusetzen, schlug Salid ein
zweites Mal zu, ungleich härter als beim ersten Mal. Diesmal hielt er sein
Gegenüber aber nicht mehr fest, so daß Kareel schwer zu Boden stürzte. “Ich
frage kein drittes Mal: Hast du mich verstanden?” Salids Stimme war so leise,
daß Kareel wie unter einem Stromschlag zusammenzuckte.
“J-ja,
ich... denke schon.”
“Ja,
das denke ich auch. Und jetzt gehst du bitte nach unten in die Pizzeria und
holst mir eine große Portion Pizzabrot mit Salat. Und für die Kleine eine
Limonade. Aber wasch dich erst ein bißchen, du siehst furchtbar aus. Und bevor
du fragst, warum DU gehen sollst: ich werde dich nicht mehr allein lassen mit
dem Kind.” Damit wandte er sich von Kareel ab und ging zurück zum Sofa,
setzte sich jedoch so, daß er mit wenigen Sätzen an der Tür zum Schlafzimmer
sein konnte, sollte es nötig sein. Es war nicht nötig, Kareel ging und sie
beide waren wieder allein. Er hörte ein Wort aus dem Nebenraum, das ihn
aufhorchen ließ. Nur ein einziges Wort, daß ihm mehr bedeutete, als er ausdrücken
konnte, selbst wenn er nicht wußte, warum es ihn so berührte.
“Danke.”
Er
hörte, wie sie wieder vom Bett kletterte. Sie setzte sich wieder zu ihm an den
Tisch, schlug die Beine unter und fragte: “Warum kamst du nicht gleich am
Anfang, eh mich der andere gehauen und mir weh getan hat?” Weder in ihren
Augen noch in ihrer Stimme war ein Vorwurf, doch das machte diese Worte nur umso
schlimmer. Sie verstand nicht, warum ihr das angetan wurde. Sie würde es
niemals verstehen. Niemals. Wegen einer Baugenehmigung.
Salid
wußte nicht, was er antworten sollte, so blickte er sie nur stumm und beinahe
traurig an.
“Es
tut mir leid”, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu Patricia gewandt.
Sie antwortete auch nicht, sondern starrte geradeaus ins Leere. So hockten sie
noch da, als Kareel wieder an die Tür klopfte.
Als
sie beim Essen saßen, sagte Kareel, während er mit genüßlichem Schmatzen an
einem Stück Pizza kaute: “Hackel sagt, er findet es gut, daß du bei der
Sache mitmachst. Dann gibt es wenigstens keine Zwischenfälle. Er hat sich nur
nicht selbst mit dir in Verbindung gesetzt, weil er dachte, du würdest solche
Aufträge nicht annehmen.”
“Da
hat er auch verdammt recht.”
Salids
Stimme war wieder gefährlich leise, so daß Kareel alarmiert aufsah. In dem
Blick seines Gegenübers stand Zorn, unbändiger Zorn, aber auch Enttäuschung.
Kareel verstand nicht, wieso Salid sich so aufregte. Wenn er mit der Kleinen
nichts anfangen konnte - gut. Aber wieso mußte er ihm den Spaß daran
verderben?
“Hackel
sagt, daß der Burgschneider bereits eingelenkt hätte und die ersten Papiere für
den Baugrund rausgerückt hat. Lange wird es nicht mehr dauern. Einen Tag oder
sogar noch weniger. Aber ich hoffe doch, daß du bleibst. Wir haben uns lange
nicht gesehen. Was hast du so gemacht?”
“Ich
will jetzt nicht reden. Halt einfach die Klappe und iß!”
Es
war bereits dunkel, als Salid aufstand und - das erste Mal überhaupt richtig
bewußt - das Chaos im Schlafzimmer betrachtete. Die Kleidung des Mädchens und
auch Sachen von Kareel lagen verstreut auf dem Boden herum - zu seinem großen
Erschrecken sah er Blutflecken auf einigen von ihnen. Er hob die Sachen vom
Boden auf und warf sie in den Papierkorb. Dann überlegte er kurz, nahm sie
wieder heraus und warf sie Kareel in den Schoß, der in einem der beiden Sessel
im Wohnzimmer zusammengesunken war und schlief. Salid konnte sich nicht
erinnern, irgendwann einmal solche Abscheu einem Menschen gegenüber empfunden
zu haben, wie er sie jetzt Kareel gegenüber hegte. Er war sein Waffenbruder
gewesen, sein Partner, sein Freund - und jetzt widerte er ihn an.
Das
Telefon riß ihn aus seinen Gedanken und Kareel aus seinem leichten Schlaf. Nach
dem dritten Klingeln hob Kareel ab und hörte einige Sekunden lang zu. Dann
nickte er kurz - wie blödsinnig, dachte Salid, am Telefon zu nicken - und hängte
ein, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben. Er überlegte einen Moment, dann
richtete er sich auf und sagte: “Es ist vorbei. Die Sitzung ist zu Ende. Das
Bauland gehört Hackel. Ich soll die Kleine zurückbringen.” Salid kniff die
Augen zusammen und sah Kareel aus brennenden Augen an.
“DU
wirst gar nichts tun - ICH werde sie zurückbringen.”
“Ich
werde sie mir noch ein letztes Mal gönnen - und du wirst mich nicht davon
abhalten. Du gehst jetzt besser, Salid. Danke für deine Hilfe. Du weißt, ich
will nicht schießen, doch ich werde es tun, wenn du mir nicht aus dem Weg
gehst.” Salid traute seinen Ohren kaum. “Du würdest mich erschießen -
wegen dieses Mädchens?”
Du
willst spielen? Gut, Kareel, laß uns spielen. Ich bin schlauer als Du. Das
solltest Du wissen.
Nicht
einmal seine eigene Mutter wäre auf diesen dämlichen Trick hereingefallen,
doch das gierige Tier, zu dem Kareel geworden war,
Er
ließ Kareel an sich vorbeigehen, dessen Blick bereits starr auf das Bett
gerichtet war, ging am Tisch vorbei und noch einmal zum Schränkchen zurück und
sagte halblaut: “Ich hole mir noch ein Bier. Soll ich dir auch noch eins
mitbringen?” Kareel murmelte nur etwas Unverständliches. Als Salid schließlich
ins Schlafzimmer kam und sich nach einem guten Platz umsah, da fing er einen
Blick von Patricia auf, die sich beim Anblick Kareels soweit wie möglich an die
Wand zurückgezogen hatte. Salid wußte nicht, ob es funktionierte, doch er
hoffte, daß das Mädchen seinen ruhigen Blick richtig deutete. Kareels Stimme
drang in seine Gedanken: “Ist sie nicht hübsch, so scheu...” Er entdeckte
einen Korbsessel in der Ecke des Zimmers und ließ sich scheinbar müde
hineinfallen. Doch in Wirklichkeit waren seine Nerven in einem Maße angespannt,
wie er es lange nicht mehr erlebt hatte. Das war wieder Salid. Der Jäger mit
dem untrüglichen Gespür für Schwäche und auch für Gerechtigkeit. Er würde
ruhig sitzenbleiben und auf seinen Moment warten. Und der würde kommen - denn
er kam immer. Nur wußte Salid diesmal als Einziger, wer der Verlierer sein würde.
“Kareel.”
Kareel
drehte sich um, mit einer Hand bereits an seinen Hemdknöpfen zupfend. Er gab
Salid somit den Blick frei auf Patricia - und eine optimale Schußposition.
Salid
hob die Waffe.
“Nein.
Tu das nicht. Bitte.”
“DU
hast ihr Leben bereits ruiniert, nicht ich.”, erwiderte er kalt.
Patricia
sah ihn nur ruhig an. Salids Hand hatte aufgehört zu zittern. Er erwiderte
ihren Blick gelassen und in diesem Moment wußte er, daß sie wußte, was er
jetzt tun würde. Sie verstand es nicht, natürlich nicht, sie war doch noch so
jung. Doch auf einer unterbewußten Ebene fühlte sie es, konnte es in seinem
Blick und in seinen Bewegungen so klar erkennen, als hätte er es ihr ausführlich
erklärt. Sie setzte sich auf und umschlang ihre Beine mit ihren dünnen Ärmchen.
So zart. So jung. Und so verletzlich. Es schien ihn von innen heraus
auszubrennen, wie er sie so da sitzen sah. So unschuldig. Wieso war sie nicht
hysterisch? Wieso schrie sie nicht? Sie kam ihm vor wie ein Reh, das bei Nacht
auf die Fahrbahn läuft und nur stumm und wie gelähmt in das näher rasende
Scheinwerferpaar blickt. Tut mir leid, Kleines, daß Du das erleben mußtest. Es
hätte nicht passieren dürfen. Es tut mir leid. Ich kann nichts dafür, aber es
tut mir leid. Er schloß die Augen, korrigierte die Richtung der Waffe um eine
Winzigkeit nach rechts und schoß zweimal. Er blieb einige Augenblicke sitzen
und bewegte sich nicht. Was hatte er getan? War das gerecht gewesen? Zum ersten
Mal, nachdem er einen Menschen getötet hatte, kamen ihm so etwas wie Zweifel.
Nicht einmal damals, als er seine Jasmina erschossen hatte, waren ihm solchen
Gedanken durch den Kopf gegangen. Verlust, vielleicht auch etwas wie leises
Bedauern - aber Zweifel?
Schließlich
mußte er alle Kraft zusammennehmen, die er noch besaß, um aufzustehen und zurück
ins Wohnzimmer zu gehen. Kein Laut drang aus dem Zimmer, das er eben verlassen
hatte. Diese Stille war fast mehr als er ertragen konnte. Ihm wurde übel, doch
er ignorierte den pelzigen Geschmack auf seiner Zunge. Salid verließ das
Hotelzimmer, nachdem er ein Telefonat geführt hatte. Das Letzte, was er
wahrnahm, bevor er die Tür hinter sich zuzog, war ein einziges leises Wort, das
er schon einmal gehört hatte und das ihn für den Rest seines Lebens begleiten
würde: “Danke.”
(c) Alien,
November 1999
Dank
an meine Inspiration, der diese Geschichte gewidmet ist:
Dafür,
daß Du Deine Sehnsucht mit mir geteilt hast.
Dafür,
daß Du so bist, wie Du bist.
Daß
Du das bist, was Du bist. Mein Freund.
Danke,
Jan.
“Eine
Sehnsucht. Diabolo. Jahwe.
Das
Gute und das Böse in einer Person zu sein.
Richter
über alles zu sein.
Größenwahnsinnig?
Nein.
Beherrscher
der Menschheit? Nein.
Verteidiger
des Glaubens. Schöpfer. Zerstörer.
Machtlüstern?
Nein.
Beobachter.
Akteur.
Das
wäre mein Traum.”
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