FREUNDE

Salid hatte auf den Anruf reagiert, natürlich war er sofort gekommen, als sein alter Partner ihn zu Hilfe gerufen hatte. Nein, Kareel war wohl einmal sein Partner gewesen, aber das lag Jahre zurück. Jetzt war der Mann, den Salid vor sich sah, sein Freund. Sie hatten viel gesehen und viel getan - zusammen. Sie waren durch etwas verbunden, das vielleicht nicht wirklich Freundschaft war, aber etwas Vergleichbares, für das es in der Welt, in der sie beide, in der ihr ganzer Berufsstand existierte, keinen Namen gab. Möglicherweise gab es nirgends einen Namen dafür. Doch vielleicht hatte er sich auch in diesem Menschen getäuscht wie er sich noch niemals zuvor in irgendetwas getäuscht hatte. Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Blitzschlag. Und trotzdem - es war, als wisse er erst jetzt wirklich, was er zu tun hatte, als er ihn aus dem Sessel  heraus ansah...

Sie hatten sich vor Jahren kennengelernt, zu einer Zeit, als Salid in seiner Heimat noch mit einer Horde Söldner jeden Polizeitrupp niedergeschossen hatte, der ihnen über den Weg gelaufen war. Die größte Untergrund-Organisation des Landes ließ eine Menge springen für Leute, die sich nicht scheuten, Polizisten und hohe Beamte zu ermorden. Das war ein Job nach Salids Geschmack gewesen. Keine langwierigen Erklärungen. Kurze, präzise Anweisungen - daraus folgten für ihn kurze, präzise und saubere Arbeiten. Er hatte es immer gehaßt, sich in Schranken zwängen zu müssen. Er war gerne sein eigener Herr gewesen und wenn das beinhaltete, daß dabei ein paar (oder auch ein paar mehr) Menschen ihr Leben lassen mußten, dann hatte er kein Problem damit, denn es waren niemals Unschuldige gewesen.

Er hatte niemals Fehler gemacht - bis er eines Tages an einer Straßenecke sie hatte stehen sehen. Danach hatte er viele Fehler gemacht - bis er sich von ihr hatte trennen müssen. Es war eine der Situationen gewesen, die man kommen sah, von denen man wußte, daß sie schlimm enden würden und gegen die man trotzdem nicht ankommen konnte. Er war verloren gewesen, seine Welt schrumpfte auf einen kleinen Rahmen zusammen, in dessen Mittelpunkt sie gestanden hatte - ihr Name war Jasmina gewesen. Er hatte sie nicht geliebt - oder doch - vielleicht - er wußte es nicht. Auf jeden Fall hatte es ihm leid getan, sie töten zu müssen, doch er konnte nichts zurücklassen, und er hatte sie nicht mitnehmen können, nicht dorthin, wo er hinging und nicht in dem Zustand, in dem sie sich befunden hatte. Nicht in diese ungewisse Zukunft, vor der er selbst ein wenig Angst hatte. Doch ihr Bruder hatte es paradoxerweise verstanden, hatte verstanden, warum Salid so gehandelt hatte, aus welchen Gründen er seine Schwester hatte töten müssen. Im Gegenteil, er hatte sich ihm angeschlossen, und zusammen waren sie ein gutes Team gewesen. Die Arbeitgeber von Salid hatten seinen neuen Partner akzeptiert, obwohl sie anfangs doch etwas skeptisch gewesen waren, schien doch Salid selbst den Ausdruck ‘Ich arbeite allein oder mit immer verschiedenen Personen, niemals zweimal mit ein und derselben.’ geprägt zu haben. Im Gegenteil, seit Jasminas Tod hatten Salid und Kareel ständig und nur noch zusammengearbeitet.

Jetzt, Jahre später, wurde er zu Hilfe gerufen. Kareel hatte irgendetwas von einer Entführung erzählt - zwar nicht gerade das, wofür er normalerweise bezahlt wurde, aber immer noch besser als nichts - und daß “das Paket” schwierig zu handhaben sei, weil sie dauernd weinen würde. Aber Salid machte sich deswegen keine Gedanken. Mit den richtigen Medikamenten-Cocktails und einigen wohlüberlegten Drohungen würde “sie” schon Ruhe geben. Kareel hatte am Telefon auch gesagt, daß er, Salid, sich durchaus mit ihr vergnügen könne, wenn er das wolle. Sie sei gut und sie würde sich nicht wehren, wenn man ihr drohte. Sie hatten manchmal die selben Frauen gehabt, manchmal auch zusammen, denn sie hatten stets alles brüderlich geteilt. Doch der Klang in Kareels Stimme hatte Salid aufhorchen lassen. An diesem “Paket” war etwas ganz Besonderes, das spürte er. Er war schließlich nur noch am Leben, weil er sich immer auf seine Instinkte hatte verlassen können. Sie hatten ihn noch nie betrogen.

Als Salid in das billige Hotel kam, wandte er sich sofort nach rechts, in Richtung der Treppe. Kareel hatte ihm den Weg genau beschrieben, und Salid wäre nicht Salid gewesen, hätte er sich nicht jedes Detail beim ersten Hören oder Sehen eingeprägt. Der Jäger starb nie, sinnierte er, als er das vollgekritzelte Treppenhaus hinaufstieg. Als er vor dem Zimmer mit der genannten Nummer stehenblieb, hörte er hinter der Tür einige leise Geräusche. Es konnte ein Fernseher sein - oder auch eine Frau, die sich eben doch gegen einen Mann wehrte. Fast gegen seinen Willen mußte Salid lächeln. Er sah im Geiste Kareel vor sich, mit blauem Auge, einer aufgeplatzen Lippe, blutigen Fingernagelspuren quer über der Wange und einem Ausdruck im Gesicht, der klarmachte, wohin zumindest einer der Tritte und Schläge der scheinbar  wehrlosen Frau getroffen hatte. Er mußte sich zur Ordnung rufen, wollte er nicht über beide Ohren grinsen, wenn Kareel die Tür öffnete.

Er wartete noch einige Sekunden ab und klopfte dann in dem vereinbarten Rhythmus an die Tür. Aus dem Zimmer drang Kareels Stimme, die barsch einen Satz bellte, dann öffnete erdie Tür gerade so weit, daß er Salid, der natürlich in genau diesem Ausschnitt gut sichtbar stand, erkennen konnte. “Komm herein, mein Freund”, sagte er, öffnete die Tür und die Männer umarmten sich kurz. Salid musterte sein Gegenüber genau. Sie hatten sich eine Weile nicht gesehen und Kareel schien gut zu leben, wie das leichte Doppelkinn und der Bauch vermuten ließen. Doch das war längst nicht alles, was ihm auffiel. Sein Gesicht war leicht gerötet, seine Wangen glühten in einem leichten inneren Feuer, was entweder bedeutete, daß Kareel kurz zuvor aus einem langen Schlaf erwacht war - was nicht sein konnte, denn sie hatten ja vor noch nicht einmal einer halben Stunde telefoniert - oder aber... Salids Blick glitt aufmerksam durch den Raum, fand zwei Türen, von denen die eine ins Bad führte, wie er sehen konnte. Hinter der anderen befand sich also das Schlafzimmer. Die Tür war ebenfalls nur angelehnt, und dahinter sah er einen kleinen Ausschnitt des Fußbodens, auf dem sich Kleidungsstücke und Kissen durcheinandergemischt hatten.

Kareels Blick folgte dem Salids und er wischte sich lüstern mit der Hand über den Mund. “Sie ist wirklich gut. Geh hinein und nimm sie dir. Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir.” Irgend etwas an der Art, wie er die Worte 'nimm sie dir' betonte, gefiel Salid nicht. Doch er konnte es nicht greifen, genauso wie ihm etwas an der Kleidung auf dem Boden aufgefallen war, das er noch nicht richtig einordnen  konnte.

 “Laß uns zuerst über die Umstände dieser Entführung sprechen”, begann er ohne Umschweife, “du scheinst die Sache gut im Griff zu haben, wozu brauchst du mich?”  
 
“Als ich den Auftrag angenommen habe, kannte ich noch nicht alle Einzelheiten. Es erfordert zwei Leute dafür, weil Besorgungen gemacht werden und Vorbereitungen getroffen werden müssen. Und ich kann sie nicht so lange allein lassen. Du kennst dich doch so gut mit diesen Schlafmedikamenten aus und da dachte ich, du würdest mir vielleicht helfen. Und Geld ist schließlich Geld. Der Job wird wirklich gut bezahlt.”
“ Worum geht es eigentlich? Was will dein Auftraggeber erreichen?”, wollte Salid wissen.

Und Kareel erzählte ihm alles, was er wußte, ließ nichts aus und dichtete nichts hinzu, denn Salid hätte es gemerkt und sich aus der Sache zurückgezogen, noch bevor er überhaupt eingestiegen war. Er mochte interessiert sein, doch er war auch konsequent, wenn es um seine Prinzipien ging. Kareel fing also an, von politischen Interessen und der Verstrickung einzelner Kabinettmitglieder in wirtschaftliche Skandale zu erzählen und Salid hörte mit mäßigem Interesse zu. Das war nicht das, was er wissen wollte. Wohl gehörte es zu dem, was er wissen mußte, doch er speicherte es nur auf einer unterbewußten Ebene, von der die Informationen bei Bedarf abgerufen werden konnten, die aber nicht im Vordergrund seines Denkens stand.

Aus dem Nebenzimmer drang ein leises Wimmern - ein Schluchzen in das Kissen, mehr nicht. Kareel hob die Stimme und sagte in scharfem Ton: “Wenn du nicht sofort aufhörst, dann komme ich zurück, und dann passiert was!” Das Wimmern verstummte augenblicklich, doch der Klang dieser dünnen Stimme beunruhigte Salid zutiefst. Und noch schlimmer war, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, warum eigentlich. Während Kareel fortfuhr, von Wirtschaftsbossen und Firmenfusionen zu berichten, kniff Salid mehrmals die Augen zusammen und legte den Kopf leicht auf die Seite, doch das Schluchzen wiederholte sich nicht. Doch dieses Unbehagen blieb. Seltsam - diese Stimme...

Er mußte sich fast dazu zwingen, mit seinen Gedanken wieder zur eigentlichen Geschichte, der, die Kareel erzählte, zurückzukehren. Es war immer noch nicht nennenswert interessanter geworden, doch jetzt tauchte in den Erläuterungen seines alten Partners immer öfters der Name ‘Burgschneider’ auf. War er nicht einer der Neuen im Stadtparlament? Salid hatte sich nie um Politik geschert, in seinen Augen war dieser Berufsstand eine Krankheit, ein Geschwür, das von innen heraus den ganzen Organismus, der ein Staat nun mal war, auffraß. Politiker redeten, ohne wirklich etwas zu sagen, strichen dafür horrende Summen dafür ein und saßen sich in ihren Plenarsälen die Hintern platt - wenn sie überhaupt erschienen. Aber warum Salid sie eigentlich so haßte, war, weil sie mit dem Strom schwammen. Er verachtete solche Leute. Nein, hassen war noch nicht einmal das richtige Wort. Haß war ein sehr starkes Gefühl und diese Menschen waren es in seinen Augen nicht würdig, daß man auch nur einen Gedanken an sie verschwendete. Er verabscheute sie einfach nur, wie man Spinnen oder Insekten verabscheuen mochte. In Salids Augen jedoch hatte jede Fliege und jede Kellerassel eine größere Daseinsberechtigung als ein Politiker.

“... hatte mein Auftraggeber die Idee, daß wir die Burgschneider entführen, so daß er in der nächsten Stadtratssitzung etwas mehr Verständnis für das Bauunternehmen zeigt, daß Hackel, meinem Auftraggeber gehört. Und deswegen muß ich mich für ein paar Tage um die Gute kümmern. Und - glaube mir - das tue ich wirklich rührend.”

Salid schreckte aus seinen Grübeleien  hoch und sah, wie sich Kareel nach diesen Worten in den Schritt griff und zufrieden kratzte. ‘Oh meine Güte, ist das widerlich!’, dachte er und zum ersten Mal sah er in den Augen seines Waffenbruders etwas, das ihn zutiefst erschreckte. Einen Glanz, der irgendwie ... krank war. Ein ungesundes Flackern, wie es in den Augen eines Menschen erscheinen mag, der langsam wahnsinnig wird. Ihm wurde in diesem Moment klar, wie wenig er über den Bruder seiner toten Geliebten eigentlich wußte. Was interessierte Kareel, was fand er abstoßend? Über solche Dinge hatten sie sich nie unterhalten. Doch was er jetzt in Kareels Gesicht sehen konnte, das gefiel ihm ganz und gar nicht. Es war... ja, krank eben. Anormal.
“Bist du jetzt dabei oder nicht?”  
“Was? ... äh, ja, ich denke schon.”
“Gut, dann paß mal auf das Goldstück auf, ich muß zu einem Treffen mit Hackel. Er telefoniert nicht gerne - aus Angst, man könnte seine Leitungen verwanzt haben. Kann länger dauern, weil ich danach noch was anderes zu erledigen habe, vielleicht bin ich die ganze Nacht weg. Ist das in Ordnung für dich?”

Salid nickte nur, doch dann fiel ihm noch etwas ein: “Ach ja, hast du etwas Eßbares da, ich bin nach deinem Anruf gleich losgefahren und habe seit gestern abend nicht mehr gegessen.”  
"Salid, Salid, mein Freund, dein Essen liegt im Schlafzimmer”, sagte Kareel, immer noch mit diesem abstoßenden Ausdruck auf dem Gesicht und dieser seltsamen Stimme.  
Damit drehte sich Kareel um und ging. Salid war allein - mit der Frau im Schlafzimmer. Er überlegte einen Moment - hätte jemand ihn in diesem Augenblick beobachtet, hätte er gedacht, Salid würde sich auf ein Geräusch konzentrieren, denn er hatte den Kopf wieder leicht zur Seite geneigt, die Augenbrauen zusammengezogen und schien angestrengt zu lauschen. Er rief in Richtung des Schlafzimmers: “Möchtest Du was essen? Um die Ecke habe ich eine Pizzeria entdeckt, als ich hergekommen bin.” Kein Laut drang aus dem angrenzenden Raum und Salid nahm an, daß sie eingeschlafen war.

Er drehte sich einmal um seine eigene Achse, unschlüssig, was er tun sollte. Hinter seiner Stirn meldete sich eine Stimme: Wieso gehst du nicht einfach in dieses Zimmer und siehst sie dir an? Irgendetwas stinkt hier ganz gewaltig, nicht wahr? Du glaubst nämlich, daß der gute Kareel es diesmal ein wenig zu weit getrieben hat, stimmts? Jetzt fessel und knebel das Weib und hol dir deine Pizza, danach kannst du dich immer noch über sie hermachen - vielleicht ist es mal was anderes als die billigen Barschönheiten, die du sonst immer aufgabelst.

Er versuchte, die Stimme in seinem Kopf zu ignorieren, doch er konnte es nicht. Was war nur los mit ihm? Seit er dieses Zimmer betreten hatte, wurde er das sichere Gefühl nicht mehr los, daß etwas nicht stimmte, ganz und gar nicht stimmte. Diese Laute aus dem Schlafzimmer, die Kleidung auf dem Boden,  Kareels Verhalten und der merkwürdige Ton in seiner Stimme... all das beunruhigte ihn zutiefst, ohne daß er sagen konnte, wieso.

Aber er mußte wirklich etwas essen, sonst würde er Kopfschmerzen bekommen und sich noch mehr Gedanken machen, die so zu rein gar nichts führten. Er suchte nach etwas, womit er die Hände der Frau zusammenbinden konnte, fand ein breites Stoffband auf dem verkratzten Eichenimitat-Tisch, der mitten im Zimmer stand und ging auf die Schlafzimmertür zu. Mit dem Handrücken der rechten Hand schob er die Tür langsam auf und erstarrte.

Auf dem Bett lag, zu einem kleinen Knäuel zusammengerollt, “die Burgschneider”. Salid schätzte sie auf ungefähr vier oder fünf. Für mindestens 10 Sekunden starrte er das Mädchen an, er bewegte sich in dieser Zeit nicht - ja, er atmete nicht einmal. Er konnte nicht denken und er fühlte -

Plötzlich drehte er sich auf dem Absatz um, ließ das Band fallen, raste quer durch den Wohnraum und übergab sich würgend in die Toilette. Seine Gedanken rasten. Ein Kind. Ein kleines Kind. Dieser Idiot, dieser gottverdammte Idiot. Wie konnte er nur ... Salid würde ihn umbringen. Er würde ihm das Herz herausreißen. Dieser Bastard. Und er hatte sich auch noch an ihr vergangen, nicht, daß er ihr mit dieser ganzen Situation schon genug zusetzte, nein, er hatte diesem kleinen Körper auch noch Gewalt angetan. Salid mochte als grausam gelten, doch er war ein gerechter Mensch, und dieses unschuldige Kind dort im Schlafzimmer hatte nichts getan, nichts verbrochen, das so etwas rechtfertigte. Er hatte recht gehabt. Kareel war krank. All das schoß durch sein Bewußtsein, als er kopfüber in der Toilette hing. Als er schließlich nur noch bittere Galle ausspuckte, holte er tief Luft und stand mit einem Ruck auf. Sofort wurde ihm schwindlig, das Blut in seinem Kopf  rauschte in seinen Ohren wie eine gefährliche Meeresbrandung, doch es riß auch die unkoordinierten Gedankenfetzen mit sich fort. Er ging zur Dusche, drehte den Kaltwasserhahn auf und hielt den Kopf unter die Brause. Eisige Kälte griff nach seinem Gehirn und vertrieb die ekelhaften Bilder von Kareel, der dieses kleine Kind vergewaltigte und es aus ganzem Herzen genoß.

Er sah in den Spiegel über dem Waschbecken und ein dunkles Augenpaar war alles, was er darin erkennen konnte - Jasminas Augen. Sie hatte ihm gesagt, daß sie ein Kind von ihm erwartete, wie glücklich sie sei und wie sehr sie hoffte, ihm einen Sohn schenken zu können. Was, wenn es ein Mädchen geworden wäre? Sie wäre jetzt ungefähr im selben Alter wie ... Er kniff die Augen zusammen, zählte halblaut bis zwanzig und drehte sich vom Spiegel fort, viel heftiger, als es nötig gewesen wäre.

Er hatte nie etwas für Kinder übrig gehabt. Sie waren laut, machten Dreck und nervten. Sie faßten alles an und brauchten Aufmerksamkeit. Salid wollte keine Kinder. Er hatte es nie verstanden, daß Jasmina so scharf darauf gewesen war, Windeln zu wickeln und Babybrei zu kochen. Nein, er hatte niemals Kinder gewollt. Doch als er in den Augen der einzigen Frau, die er jemals hätte lieben hönnen - wenn er sich solch ein Gefühl gestattet hätte -, die Freude über ihr ungeborenes Kind entdeckt hatte, da hatte die stahlharte Schale um seine Seele einen Riß bekommen. Er hatte es immer noch nicht verstehen können, er wollte dieses Kind noch immer nicht, doch er konnte Jasmina nur bewundern für die Selbstsicherheit, die sie an den Tag gelegt hatte, ihm das zu sagen. Sie wußte, wie er über Kinder dachte, er hatte niemals einen Hehl daraus gemacht. Vielleicht stimmte es wirklich, wenn man sagte, daß das Schlagen zweier Herzen mit einem Blut im Körper einer werdenden Mutter ihr unglaubliche Stärke und auch Mut verlieh. Er hatte den Trotz in ihren Augen gesehen und in ihrer Stimme gehört, als sie darum gestritten hatten, was nun werden solle. Er würde sie nicht heiraten, wie es die Familie verlangen würde, wenn sie von ihrem Zustand erfuhr. Und sie war aufgebracht gewesen und hatte ihn angeschrien. Sie wäre gut genug für die Vergnügungen gewesen, doch jetzt wolle er sich um seine Verantwortung drücken. Sie hielte ihn deswegen für ein feiges Tier. Er hatte ausgeholt und ihr eine Ohrfeige versetzen wollen, doch sie hatte kampflustig das Kinn vorgestreckt und ihr beinahe verächtlicher Blick schien zu rufen: ‘Na los, schlag schon zu, sei brutal und verhalte dich so, wie es sich für einen Mann deines Kalibers gehört.’ Als er diesem Blick begegnet war, hatte er kraftlos die Hand wieder sinken lassen. Ihre Augen hatten geleuchtet wie der Mond in einer kalten Nacht in der Wüste und ihr Gesicht hatte geglüht vor Erregung. Er war - entgegen seiner sonstigen Gewohnheit - in dieser Nacht nicht gegangen, nachdem er sie geliebt hatte, sondern war bis zum Morgen bei ihr geblieben, hatte in ihr Haar geflüstert, daß sie noch nie so leidenschaftlich gewesen war wie in der vergangenen Nacht und hatte sich gewünscht, nie wieder gehen zu müssen. Und vier Tage später hatte er sie erschossen.

Die Zustände hatten sich rasend schnell zugespitzt. Die Miliz war ihm und seiner Gruppe junger Söldner auf den Fersen gewesen, und die Schlinge begann sich zuzuziehen. Eines Nachts hatte die Polizei dann schließlich einen von Salids “Jungs” aufgegriffen und er mußte gesungen haben wie ein junger Sittich. Denn innerhalb der nächsten 36 Stunden war seine gesamte Gruppe entweder verhaftet oder getötet worden. Nur er war noch übrig geblieben, weil er geschäftlich - ein lukrativer Auftrag ohne großes Risiko - für zwei Tage die Stadt verlassen hatte. Als er zurückkam und bei Jasmina vorbeischaute, erzählte sie ihm, daß die Miliz  bei ihr gewesen wäre und ihr und ihrer Mutter gedroht hätte, Jasminas jüngsten Bruder Hasim, der gerade mal 12 Jahre alt war, zu verhaften, wenn sie ihnen nicht Salids Aufenthaltsort nennen würden. Da sie es jedoch wirklich nicht wußten, hatten die Polizisten nach einigen Schlägen und Drohungen dann aber von ihnen abgelassen und sich damit begnügt, Hasim grün und blau zu prügeln. Salid hatte innerlich gekocht vor Wut. Doch äußerlich war er ganz ruhig geblieben, als er Jasmina zugehört hatte, wie sie ihm den Vorfall schilderte. Sie hatte sehr langsam gesprochen, denn ihre Wange war noch immer geschwollen gewesen. Er hatte sich mit ihrem ältesten Bruder, Kareel, geeinigt, dem Polizeirevier, aus dem die Schläger gekommen waren, einen Besuch abzustatten. Als er am Abend nach Hause zu Jasmina kam, gab es kein Gebäude mehr, in das man Menschen zum Verhören und Foltern bringen konnte. Anstelle des zweistöckigen Hauses gähnte ein Loch in der Straße.

Doch das hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Jetzt hatte er den Präsidenten der Stadtgarde gegen sich. Er mußte aus dem Land verschwinden - und zwar schleunigst und so leise wie möglich. Er wußte, wo er Papiere bekam, nicht einmal falsche, sondern gültige Stempel, aber da war immer noch Jasmina. Was sollte er nur mit ihr tun? Sie einfach zurücklassen, der Willkür des zornigen Stadtgarde-Oberhauptes ausgesetzt? Dieser würde zweifellos seine Wut über Salids Flucht an ihr auslassen, oder er würde sie für sich behalten. Salid spürte eine heiße Welle von Eifersucht in sich aufsteigen, wenn er nur daran dachte, daß dieser schleimige, nach Kautabak stinkende Molch seine Jasmina anrühren sollte. Nein, das durfte nicht passieren. Aber er konnte sie unmöglich mitnehmen. Was sollte er tun? Er fragte Kareel, doch auch dieser wußte keinen Rat.

Salid war in die Wüste hinausgefahren, hatte eine ganze Nacht lang allein auf dem eiskalten Sand gesessen und nachgedacht. Seine Gedanken waren jedoch nur im Kreis gewandert. Er hatte erbärmlich gefroren. Kurz vor dem  Morgengrauen dann war er zurück in die Stadt gefahren, seine Hände waren so steif gewesen, daß er ein paarmal beinahe im unwegsamen Wüstengelände vom Weg abgekommen wäre, doch sein Entschluß hatte festgestanden. Er hatte geweint, letzte Nacht in der Wüste, niemand hatte ihn je weinen sehen und das würde auch so bleiben. Er hatte getrauert in dieser Nacht. Um seine Jasmina und sein ungeborenes Kind. Doch er konnte nicht aus seiner Haut. Er mußte auf seine innere Stimme hören, die ihm sagte, daß es eine grausame, doch die einzig richtige Enscheidung war.

Jasmina hatte noch geschlafen, als er ins Zimmer geschlichen war und sich leise ausgezogen hatte. Als er hinter ihr unter die Decke geschlüpft war, war sie aufgeschreckt, denn seine Haut war noch immer schrecklich kalt gewesen. Auch sein Inneres war kalt geworden, als er unter den Sternen gesessen und geweint hatte. Sie hatte ihn in die Arme genommen und hatte nicht gefragt. Sie hatte kein Wort gesagt, sondern sich nur an ihn geschmiegt. Er hatte sie lange und zärtlich geliebt und als sie beide später erhitzt und mit geröteten Gesichtern nebeneinander gelegen hatten, hatte sie gesagt: “Ich glaube, es wäre ein Sohn geworden.” Nichts weiter. Dieser einfache Satz hatte ihm beinahe das Herz gebrochen. Er hatte kaum die Kraft gehabt, mit einem Arm neben das Bett zu greifen, wo er die Waffe mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer abgelegt hatte. Sie aufzunehmen und zu sich heraufzuziehen überstieg beinahe seine Kräfte. Er mußte die Augen zupressen, sonst hätte er vor Verzweiflung geschrien. Sie hatte sich über ihn gebeugt, ihn mit ihren schwarzen Augen angesehen, ihr Haar war auf seine Brust gefallen und hatte ihn gekitzelt und sie hatte gesagt: “Ich bitte Dich nur um eines: nimm Kareel mit Dir. Sei gut zu ihm.” Sie hatte ihn auf die Stirn geküßt, sich von ihm abgewandt und wieder neben ihn gelegt. Sie drehte ihm den Rücken zu und machte es ihm leicht. Und er hatte keine Kraft mehr gehabt, die Waffe über seinen Körper zu heben und abzudrücken. Er konnte es nicht. Er liebte diese Frau nicht, doch sie trug sein Kind,  neues Leben, das er mitgeholfen hatte zu schaffen. Er setzte sich auf. Jasmina blieb still liegen, kein Laut kam über ihre Lippen. Sie wartete darauf, daß er schoß. Das war ihm von einer Sekunde auf die andere klargeworden. Wenn er jetzt nicht zu Ende brachte, wozu er gekommen war, dann würde sie ihn verachten. “Allah, vergib mir”, flüsterte er, hob die Waffe, zielte kurz und drückte ab. Anschließend sprang er aus dem Bett, ließ angewidert die Waffe fallen, rannte ins Bad und übergab sich.

Die Erinnerung an diese schreckliche Nacht ließ ihn zittern. Er hatte daraufhin lange nicht mit einer Frau zusammensein können, weil er irgendwie dachte, Jasmina dadurch etwas von ihrer Würde zu nehmen. Doch die Trauer verging. Sie war eine schöne Frau gewesen, stolz und klug. Eine Person nach seinem Geschmack, denn so war er auch. Er fuhr sich durch die kurzen nassen Haare und fragte sich, was er als nächstes tun solle. Er mußte etwas unternehmen, und zwar schleunigst. Ein leises Schluchzen ließ ihn hochfahren. Sie weinte - sie war aufgewacht und weinte. Sie mußte schreckliche Angst haben. Was sollte er nur tun? ‘Oh Kareel, du verfluchter Kameltreiber. Was hast du mir da nur eingebrockt?’, dachte er wütend und versuchte, sich zu beruhigen. Er mußte zu der Kleinen gehen und sie irgendwie dazu bringen, mit dem Weinen aufzuhören. Er wollte sie nicht fesseln und auch nicht knebeln und er wollte sie schon gar nicht mit Medikamenten ruhigstellen. All das widerstrebte ihm zutiefst aus einem einzigen und dem einzig wichtigen Grund: sie war ein unschuldiges Kind.

Er ging langsam wieder auf die Schlafzimmertür zu, er hatte keine Ahnung, was er tun oder sagen sollte. Er trat durch die Tür und die Kleine schreckte auf, ihre Augen weiteten sich erschrocken, doch als sie erkannte, daß es nicht Kareel war, der gekommen war, um ihr erneut wer weiß was anzutun, da entspannte sie sich ein wenig und setzte sich auf, die kleinen dünnen Ärmchen immer noch fest um ihre Knie geschlungen. Salid konnte erkennen, daß auf ihren Oberarmen und auch den Beinen bereits blaue Flecke prangten. Seine Wut auf Kareel wurde beinahe unerträglich. Langsam machte er noch einen weiteren Schritt auf sie zu und fragte dann leise: “Wie heißt du? Du hast doch sicher Hunger und Durst, oder?”

Seine Stimme zumindest schien ihr keine Angst zu machen; es war etwas Sanftes darin, das ihn selbst verwunderte. Er hatte keine kratzige oder rauchige Stimme, wie man es bei einem Mann seiner Herkunft oder seines Aussehens und seiner Statur erwarten mochte - im Gegenteil, sie war ruhig und ausgeglichen, sonor und angenehm. Die Kleine schien den fast zärtlichen Hauch in seiner Stimme zu spüren und sie verstand, daß sie von ihm zumindest im Moment nichts zu befürchten hatte, denn sie sah ihn mit wachen und fast neugierigen Kinderaugen an und er war etwas überrascht, wie fest ihre Stimme klang und wie aufgeregt sie plötzlich war: “Ich heiße Patricia, aber meine Mama sagt Patti zu mir. Bringst du mich zu meiner Mama? Paßt du jetzt auf mich auf und nicht mehr der andere Mann? Er hat mich gehauen und er hat mir Kekse versprochen, wenn ich ihn anfasse. Und weil ich nicht wollte, da hat er mich noch mehr gehauen  und -”. Sie verstummte mitten im Satz und Tränen der Erinnerung stiegen in ihre Augen. Salid konnte sie nur anstarren, er war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Beinahe flüsternd wiederholte er seine zweite Frage: “Hast du Hunger oder Durst?” Patricia nickte heftig. “Durst, großen Durst. Mein Hals tut weh.”

Salid nickte. “Ich hole dir etwas zu trinken.” Er verschwand im Wohnraum und kramte in dem kleinen Schränkchen, das einige Kleidungsstücke von Kareel und eine Reisetasche mit Getränken - größtenteils alkoholischen- und einigen Packungen Knabberzeug enthielt. Er schnappte sich eine der wenigen Flaschen Mineralwasser und eine Tüte Salzstangen und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Er ging zu dem Mädchen und legte beides vor ihr auf das Bett. Er mußte laut lachen, als sie ihn von unten herauf vorwurfsvoll ansah und in tadelndem Ton bemerkte: “Und wo ist das Glas?” In Gedanken mahnte er sich zur Vorsicht: Was tue ich hier eigentlich? Diese Kleine hat etwas Entwaffnendes an sich. Ich darf mir nicht erlauben, sie zu sehr zu mögen. Ich muß einen klaren Kopf behalten. In barschem Ton, der das Mädchen trotzdem nicht erschreckte, sagte er: “Du verhältst dich jetzt still, verstanden? Ich will kein Weinen mehr hören und du wirst auch nicht um Hilfe rufen, ist das klar?” Sie sah ihn nur an, während sie äußerst konzentriert an einer Handvoll Salzstangen mampfte. Doch Salid wußte trotzdem, daß sie still sein würde.

Er nickte und ging zurück ins Wohnzimmer. Er ließ sich erschöpft und unendlich müde auf das abgewetzte Sofa fallen und legte den Kopf zurück, bis er gegen die Wand schlug. Sein Kopf dröhnte, das ganze Zimmer schien sich um ihn zu drehen. ‘Wie komme ich da nur wieder raus?’, fragte er sich immer und immer wieder. Er brauchte einen Plan. Auf Kareel wollte er nicht hoffen, er konnte ihm niemals mehr vertrauen. Sein Vertrauen in diesen, -- dieses Tier war weggefegt, so als hätte es niemals existiert. All die Jahre - und nun das. Er fragte sich, ob er einfach die Polizei rufen oder das Mädchen in der Pizzeria unten an der Ecke abliefern sollte. Er könnte sagen, daß er sie zufällig aufgelesen hätte und daß sie sich verlaufen hätte. Sie würde sicher mitspielen. Aber, nein, das war nicht sein Stil. Er konnte doch wohl für ein paar Stunden auf dieses Gör aufpassen, ohne gleich weich zu werden. Meine Güte, er hatte Schlimmeres gesehen als ein vergewaltigtes Kind in einem weichen, großen Bett. Ach ja, und was? Dieses Argument funktioniert nicht, mein Freund. Denk dir ein neues aus.

Lange hörte er nichts aus dem angrenzenden Zimmer, doch dann klang Patricias Stimme müde durch den Spalt in der Tür: “Ich muß mal Pipi.” Er öffnete nicht einmal die Augen. “Dann geh.” Er hörte sie kurz rumoren, als sie vom Bett kletterte. Dann beobachtete er, den Kopf noch immer an die Wand gelehnt, aus halboffenen Augen, wie sie entschlossenen Schrittes durch das Zimmer stiefelte und im Badezimmer verschwand. “Brauchst du Hilfe?” Im nächsten Moment hätte er sich dafür am liebsten selbst auf die Zunge gebissen. Wieso dachte er nicht, bevor er sprach? Umso mehr verblüffte ihn die Antwort des Kindes: “Nein. Ich bin schon groß. Kannst du denn nicht allein Pipi machen?” Salid mußte grinsen, er kicherte sogar kurz, wurde aber übergangslos wieder ernst. Er konnte sich das Verhalten des Mädchens nicht erklären. Vielleicht würde der richtige Schock erst später kommen. Kurze Zeit später ertönte die Toilettenspülung. Er saß noch immer auf der Couch, als sie zurück ins Wohnzimmer kam. Sie ging jedoch nicht wieder ins Schlafzimmer zurück, sondern setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf einen der beiden Sessel. Sie saß einfach nur da und sah ihn an. Nicht vorwurfsvoll, nicht ängstlich, nichts von dem, was er in den Augen eines Kindes in ihrer Situation erwartet hätte. Sie legte den Kopf ein wenig schräg und begann zögernd, aber dann immer schneller zu erzählen und zu fragen: “Du kommst auch daher, wo der andere Mann herkommt, stimmts? Du bist auch so braun. Deine Haare sind auch so schwarz. Meine Eltern sind ganz blond, ich auch. Im letzten Sommer waren wir in der Trükrei und da sahen die Leute alle so aus wie du.”  
“Türkei, es muß Türkei heißen. Aber das ist nicht meine Heimat.”  
"Wo denn dann her?”  
“Aus dem Iran.”  
“Wo ist denn das - weit weg von hier?”  
“Ja, weit weg.”  
“Wann gehst du wieder nach Hause? Was machst du hier? Gefällt es dir zu Hause nicht? Bist du weggelaufen?”

Salid hatte natürlich nicht vor, auf diese Fragen zu antworten. Er hatte schon viel zu viel gesagt. Doch dieses Kind war besser als jeder Polizei-Verhör-Spezialist. Sie hatte etwas derart Entwaffnendes und Vertrauenswürdiges, daß er einfach hatte antworten müssen.

Es klopfte an der Tür - im vereinbarten Rhythmus. Die Augen des Mädchen wurden groß und dunkel vor Angst. Salid schreckte auf und sagte zu ihr: “Geh zurück ins Schlafzimmer und leg dich wieder hin.” In absichtlich rauhem Ton fügte er hinzu: “Und keinen Mucks!” Sie verschwand ohne ein weiteres Wort im angrenzenden Raum. Salid ging zur Tür, ließ Kareel ein und schloß sie schnell wieder. Anschließend trat er wie zufällig in Kareels Weg, als der sich in Richtung des Schlafraumes wandte.

“Es hat doch nicht so lange gedauert, wie ich gedacht hatte.” Als er Salid voll angezogen sah, rutschten seine Augenbrauen näher zusammen. “Du warst aber wirklich schnell. Ich dachte, ich kriege noch etwas zu sehen, wenn ich mich so beeile.” Ohne Vorwarnung schlug Salid ihm die Faust in die Magengrube, mit der anderen packte er ihn blitzschnell am Kragen, daß er nicht zusammenbrach und zischte: “Bist du vollkommen verrückt geworden? Das da drinnen ist ein kleines Mädchen! Ein Kind!”  
Als Kareel wieder Luft bekam, sah er seinen alten Partner verständnislos an und murmelte gequält: “Brüder in allem, Salid. Was hast du denn? Gefällt sie dir nicht?”

Salid musterte den Mann, der sich vor ihm krümmte, abfällig. “Du bist krank, Kareel. Dein gutes Leben in den letzten Jahren hat dich weich und krank gemacht.” Als er keine Antwort, sondern nur einen fragenden Blick von Kareel bekam, fuhr er fort: “Was hätte dein Vater wohl mit einem Kerl getan, der sich an Jasmina vergangen hätte, als sie so alt war wie ... die Burgschneider jetzt?” Gerade noch geschafft, was? Du wolltest doch tatsächlich Patricia sagen! Kareel hatte sich inzwischen wieder aufgerichtet, doch in seinen Augen schimmerten Tränen des Schmerzes.  
“Er hätte ihn umgebracht.”
“Ja, genau, er hätte ihn umgebracht. Ich weiß zwar genausogut wie du, daß in diesem Land hier niemand hingerichtet wird, aber das ist noch lange kein Grund, alles zu vergessen, was du bist und was dir beigebracht wurde. Du elender Narr. Ich will nichts mehr darüber hören, du rührst sie nicht mehr an, hast du mich verstanden?”

Als Kareel trotzig den Blick hob, um zu einem Widerwort anzusetzen, schlug Salid ein zweites Mal zu, ungleich härter als beim ersten Mal. Diesmal hielt er sein Gegenüber aber nicht mehr fest, so daß Kareel schwer zu Boden stürzte. “Ich frage kein drittes Mal: Hast du mich verstanden?” Salids Stimme war so leise, daß Kareel wie unter einem Stromschlag zusammenzuckte.  
“J-ja, ich... denke schon.”  
“Ja, das denke ich auch. Und jetzt gehst du bitte nach unten in die Pizzeria und holst mir eine große Portion Pizzabrot mit Salat. Und für die Kleine eine Limonade. Aber wasch dich erst ein bißchen, du siehst furchtbar aus. Und bevor du fragst, warum DU gehen sollst: ich werde dich nicht mehr allein lassen mit dem Kind.” Damit wandte er sich von Kareel ab und ging zurück zum Sofa, setzte sich jedoch so, daß er mit wenigen Sätzen an der Tür zum Schlafzimmer sein konnte, sollte es nötig sein. Es war nicht nötig, Kareel ging und sie beide waren wieder allein. Er hörte ein Wort aus dem Nebenraum, das ihn aufhorchen ließ. Nur ein einziges Wort, daß ihm mehr bedeutete, als er ausdrücken konnte, selbst wenn er nicht wußte, warum es ihn so berührte.  
“Danke.”

Er hörte, wie sie wieder vom Bett kletterte. Sie setzte sich wieder zu ihm an den Tisch, schlug die Beine unter und fragte: “Warum kamst du nicht gleich am Anfang, eh mich der andere gehauen und mir weh getan hat?” Weder in ihren Augen noch in ihrer Stimme war ein Vorwurf, doch das machte diese Worte nur umso schlimmer. Sie verstand nicht, warum ihr das angetan wurde. Sie würde es niemals verstehen. Niemals. Wegen einer Baugenehmigung.  
Salid wußte nicht, was er antworten sollte, so blickte er sie nur stumm und beinahe traurig an.  
“Es tut mir leid”, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu Patricia gewandt. Sie antwortete auch nicht, sondern starrte geradeaus ins Leere. So hockten sie noch da, als Kareel wieder an die Tür klopfte.

Als sie beim Essen saßen, sagte Kareel, während er mit genüßlichem Schmatzen an einem Stück Pizza kaute: “Hackel sagt, er findet es gut, daß du bei der Sache mitmachst. Dann gibt es wenigstens keine Zwischenfälle. Er hat sich nur nicht selbst mit dir in Verbindung gesetzt, weil er dachte, du würdest solche Aufträge nicht annehmen.”  
“Da hat er auch verdammt recht.”  
Salids Stimme war wieder gefährlich leise, so daß Kareel alarmiert aufsah. In dem Blick seines Gegenübers stand Zorn, unbändiger Zorn, aber auch Enttäuschung. Kareel verstand nicht, wieso Salid sich so aufregte. Wenn er mit der Kleinen nichts anfangen konnte - gut. Aber wieso mußte er ihm den Spaß daran verderben?

“Hackel sagt, daß der Burgschneider bereits eingelenkt hätte und die ersten Papiere für den Baugrund rausgerückt hat. Lange wird es nicht mehr dauern. Einen Tag oder sogar noch weniger. Aber ich hoffe doch, daß du bleibst. Wir haben uns lange nicht gesehen. Was hast du so gemacht?”  
“Ich will jetzt nicht reden. Halt einfach die Klappe und iß!”  
Es war bereits dunkel, als Salid aufstand und - das erste Mal überhaupt richtig bewußt - das Chaos im Schlafzimmer betrachtete. Die Kleidung des Mädchens und auch Sachen von Kareel lagen verstreut auf dem Boden herum - zu seinem großen Erschrecken sah er Blutflecken auf einigen von ihnen. Er hob die Sachen vom Boden auf und warf sie in den Papierkorb. Dann überlegte er kurz, nahm sie wieder heraus und warf sie Kareel in den Schoß, der in einem der beiden Sessel im Wohnzimmer zusammengesunken war und schlief. Salid konnte sich nicht erinnern, irgendwann einmal solche Abscheu einem Menschen gegenüber empfunden zu haben, wie er sie jetzt Kareel gegenüber hegte. Er war sein Waffenbruder gewesen, sein Partner, sein Freund - und jetzt widerte er ihn an.

Das Telefon riß ihn aus seinen Gedanken und Kareel aus seinem leichten Schlaf. Nach dem dritten Klingeln hob Kareel ab und hörte einige Sekunden lang zu. Dann nickte er kurz - wie blödsinnig, dachte Salid, am Telefon zu nicken - und hängte ein, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben. Er überlegte einen Moment, dann richtete er sich auf und sagte: “Es ist vorbei. Die Sitzung ist zu Ende. Das Bauland gehört Hackel. Ich soll die Kleine zurückbringen.” Salid kniff die Augen zusammen und sah Kareel aus brennenden Augen an.  
“DU wirst gar nichts tun - ICH werde sie zurückbringen.” Er wandte sich Richtung Schlafzimmer, als er ein Geräusch hinter sich wahrnahm, eines, das seine Nackenhaare dazu brachte, sich senkrecht aufzustellen und das er nur zu gut kannte: das Entsichern einer Waffe. Langsam, um keine übereifrige Reaktion zu provozieren, drehte er sich zu Kareel um und sah ihn fragend an.

“Ich werde sie mir noch ein letztes Mal gönnen - und du wirst mich nicht davon abhalten. Du gehst jetzt besser, Salid. Danke für deine Hilfe. Du weißt, ich will nicht schießen, doch ich werde es tun, wenn du mir nicht aus dem Weg gehst.” Salid traute seinen Ohren kaum. “Du würdest mich erschießen - wegen dieses Mädchens?”
Du willst spielen? Gut, Kareel, laß uns spielen. Ich bin schlauer als Du. Das solltest Du wissen.  
Laut sagte er: “Dann muß sie ja wirklich was ganz Besonderes sein. Vielleicht hast du ja recht - mal schauen. Ich will euch zusehen, vielleicht überlege ich es mir ja doch noch anders.”  
Nicht einmal seine eigene Mutter wäre auf diesen dämlichen Trick hereingefallen, doch das gierige Tier, zu dem Kareel geworden war,
  hatte längst die Oberhand über sein bewußtes Denken gewonnen. r sicherte die Waffe, legte sie auf den Tisch - er bewegte sich, als wäre er in Trance. Es fehlte nicht viel und er würde geifern wie ein ein tollwütiger Hund, dachte Salid angewidert.

Er ließ Kareel an sich vorbeigehen, dessen Blick bereits starr auf das Bett gerichtet war, ging am Tisch vorbei und noch einmal zum Schränkchen zurück und sagte halblaut: “Ich hole mir noch ein Bier. Soll ich dir auch noch eins mitbringen?” Kareel murmelte nur etwas Unverständliches. Als Salid schließlich ins Schlafzimmer kam und sich nach einem guten Platz umsah, da fing er einen Blick von Patricia auf, die sich beim Anblick Kareels soweit wie möglich an die Wand zurückgezogen hatte. Salid wußte nicht, ob es funktionierte, doch er hoffte, daß das Mädchen seinen ruhigen Blick richtig deutete. Kareels Stimme drang in seine Gedanken: “Ist sie nicht hübsch, so scheu...” Er entdeckte einen Korbsessel in der Ecke des Zimmers und ließ sich scheinbar müde hineinfallen. Doch in Wirklichkeit waren seine Nerven in einem Maße angespannt, wie er es lange nicht mehr erlebt hatte. Das war wieder Salid. Der Jäger mit dem untrüglichen Gespür für Schwäche und auch für Gerechtigkeit. Er würde ruhig sitzenbleiben und auf seinen Moment warten. Und der würde kommen - denn er kam immer. Nur wußte Salid diesmal als Einziger, wer der Verlierer sein würde.  
“Kareel.”
Kareel drehte sich um, mit einer Hand bereits an seinen Hemdknöpfen zupfend. Er gab Salid somit den Blick frei auf Patricia - und eine optimale Schußposition.  
Salid hob die Waffe.
“Nein. Tu das nicht. Bitte.”  
“DU hast ihr Leben bereits ruiniert, nicht ich.”, erwiderte er kalt.

Patricia sah ihn nur ruhig an. Salids Hand hatte aufgehört zu zittern. Er erwiderte ihren Blick gelassen und in diesem Moment wußte er, daß sie wußte, was er jetzt tun würde. Sie verstand es nicht, natürlich nicht, sie war doch noch so jung. Doch auf einer unterbewußten Ebene fühlte sie es, konnte es in seinem Blick und in seinen Bewegungen so klar erkennen, als hätte er es ihr ausführlich erklärt. Sie setzte sich auf und umschlang ihre Beine mit ihren dünnen Ärmchen. So zart. So jung. Und so verletzlich. Es schien ihn von innen heraus auszubrennen, wie er sie so da sitzen sah. So unschuldig. Wieso war sie nicht hysterisch? Wieso schrie sie nicht? Sie kam ihm vor wie ein Reh, das bei Nacht auf die Fahrbahn läuft und nur stumm und wie gelähmt in das näher rasende Scheinwerferpaar blickt. Tut mir leid, Kleines, daß Du das erleben mußtest. Es hätte nicht passieren dürfen. Es tut mir leid. Ich kann nichts dafür, aber es tut mir leid. Er schloß die Augen, korrigierte die Richtung der Waffe um eine Winzigkeit nach rechts und schoß zweimal. Er blieb einige Augenblicke sitzen und bewegte sich nicht. Was hatte er getan? War das gerecht gewesen? Zum ersten Mal, nachdem er einen Menschen getötet hatte, kamen ihm so etwas wie Zweifel. Nicht einmal damals, als er seine Jasmina erschossen hatte, waren ihm solchen Gedanken durch den Kopf gegangen. Verlust, vielleicht auch etwas wie leises Bedauern - aber Zweifel?

Schließlich mußte er alle Kraft zusammennehmen, die er noch besaß, um aufzustehen und zurück ins Wohnzimmer zu gehen. Kein Laut drang aus dem Zimmer, das er eben verlassen hatte. Diese Stille war fast mehr als er ertragen konnte. Ihm wurde übel, doch er ignorierte den pelzigen Geschmack auf seiner Zunge. Salid verließ das Hotelzimmer, nachdem er ein Telefonat geführt hatte. Das Letzte, was er wahrnahm, bevor er die Tür hinter sich zuzog, war ein einziges leises Wort, das er schon einmal gehört hatte und das ihn für den Rest seines Lebens begleiten würde: “Danke.”

 (c) Alien, November 1999
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Dank an meine Inspiration, der diese Geschichte gewidmet ist:  
Dafür, daß Du Deine Sehnsucht mit mir geteilt hast.  
Dafür, daß Du so bist, wie Du bist.  
Daß Du das bist, was Du bist. Mein Freund.  
Danke, Jan.

“Eine Sehnsucht. Diabolo. Jahwe.
Das Gute und das Böse in einer Person zu sein.  
Richter über alles zu sein.  
Größenwahnsinnig? Nein.  
Beherrscher der Menschheit? Nein.  
Verteidiger des Glaubens. Schöpfer. Zerstörer.  
Machtlüstern? Nein.  

Beobachter. Akteur.
 

Das wäre mein Traum.”

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